Lehrer nehmen "Wir werden das Kind schon schaukeln" wörtlich

An der Montessori-Grundschule Erlbach-Kirchberg müssen die Kinder nicht mehr stillsitzen, stattdessen verleiten Schaukelstühle zum Schwingen. Dass die Kinder begeistert sind, liegt auf der Hand. Aber auch jeder Orthopäde würde der Schule wohl ein Bienchen ins Hausaufgabenheft schreiben.

Erlbach-Kirchberg.

Kippeln war gestern - an der Evangelischen Montessorischule in Erlbach Kirchberg wird geschaukelt. Richtig gelesen, die Erst- bis Viertklässler sitzen auf Schaukelstühlen. Fast 29.000 Euro hat sich die Schule die 96 wackeligen Sitzgelegenheiten kosten lassen. Der Grund: Die Kinder sollen gesünder sitzen, als es auf einem herkömmlichen Stuhl möglich ist, erklärt Lehrerin Christina Walther, an der Schule für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Denn die Kufen ermöglichen Bewegung beim Sitzen, was die Muskulatur stärkt und Fehlhaltungen vorbeugt. Die Sitzgelegenheit hat sogar noch viel mehr zu bieten als Kufen: Sitzhöhe und -tiefe sowie Rückenlehne sind einstellbar, ein Gummipuffer zwischen Sitzfläche und "Schaukelbein" entlastet die Wirbelsäule beim Setzen.

"Es ist ja bekannt, dass normale Stühle nicht so gut sind", sagt Christina Walther. Man habe sich darum schon länger Gedanken gemacht, wie die Kinder besser sitzen könnten. Seit Mai 2014 trägt die Schule das Zertifikat "Bewegte Schule". Das ist die Initiative einer Forschungsgruppe der Uni Leipzig, des Sächsischen Kultusministeriums und der Unfallkasse Sachsen. Im Altkreis haben bereits acht Schulen dieses Zertifikat erworben. Aber die Erlbach-Kirchberger wollten mehr, nämlich die Bewegung auch ins Sitzen bringen. Also informierten sich die Pädagogen im Internet, was es an geeigneten Sitzgelegenheiten gibt, dann ließen sie sich mehrere Modelle zum Probesitzen liefern. Ein gepolsterter Drehstuhl, dessen Sitzfläche sich bei Gewichtsverlagerung bewegt, steht noch im Lehrerzimmer und erinnert an die Entscheidungsphase. Die Wahl fiel dann auf den Schaukelstuhl, wenngleich der mit rund 300 Euro pro Stück kein Schnäppchen ist. Hauptgrund sei, "dass er für alle Größen so super einstellbar ist", sagt Christina Walther. Das sei sehr wichtig, weil die Kinder im Grundschulalter enorm schnell wachsen. Der ungepolsterte Sitz sei zudem vom hygienischen Aspekt her günstig.

Als die Schaukelstuhl-Lieferung kam, halfen einige Eltern beim Auspacken und Zusammenbauen, erzählt Walther. Deren Reaktion: durchweg positiv. Auch die Kinder fanden die neuen Stühle sofort toll. "Man muss nicht die ganze Zeit so dasitzen", sagt Erstklässler Sebastian und verharrt augenblicklich in kerzengerader Stellung. Dann lacht er und schaukelt los. Auch Drittklässler Max findet das Schaukeln spitze und führt es sofort vor. Die beiden Jungs sitzen gemeinsam im Klassenraum, denn an der Montessori-Schule wird in altersgemischten Klassen unterrichtet.

Vom Vorführ-Schaukeln der Beiden abgesehen, fällt dem Beobachter auf, dass die Schienen der Stühle nicht über Gebühr strapaziert werden. Manche Kinder sind ganz nach vorn gerutscht, sodass die Sitzfläche ebenfalls leicht geneigt ist. Jene, die tatsächlich "schaukeln", tun dies offenbar unterbewusst, weil sie gerade in Gedanken sind. Christina Walther bestätigt den Eindruck. In den ersten Stunden habe sie noch gedacht "ach du Schreck" - da schaukelten alle und es wurde auch gleich mal die volle Kurvenlänge ausgereizt. Inzwischen sei die Bewegung in keiner Weise auffällig oder störend.

An den anderen Schulen der Region ist laut einer kleinen Umfrage offenbar noch immer der Stuhl Usus, wenngleich ein Umdenken beginnt: In der Dürer-Grundschule in Stollberg beispielsweise gibt es einen Klassensatz Sitzbälle, der bei Bedarf genutzt werden kann. Und an der Oberschule in Zwönitz wurden alternative Sitzmöbel getestet, allerdings von den Schülern nicht angenommen. Die Montessorischule bleibt also Vorreiter. Der Grund liegt für Christina Walther auf der Hand: "Welche Schule bezahlt 300 Euro für einen Stuhl?"


Der Experte: Ein Schaukelstuhl ist sinnvoll

Im Unterricht wird überwiegend gesessen. Viola Gerhard hat über mögliche Folgen mit Dr. Wilmar Hubel, u.a. Facharzt für Orthopädie, gesprochen.

Welche Haltungsschäden oder Beschwerden können aus längerem Sitzen resultieren?

Dr. Wilmar Hubel: Langes Sitzen kann zu diffusen Rückenschmerzen führen, auch zu Nackenschmerzen, Muskelverspannungen überwiegend der Nacken- und Schultermuskulatur und zu Kopfschmerzen. Es kann zu einer Fehlbelastung der gesamten Wirbelsäule kommen - mit bleibenden Veränderungen an der Wirbelsäulenkrümmung und an den Band scheiben.

Was halten Sie von dem individuell einstellbaren Schaukelstuhl?

Individuell einstellbare Stühle und Tische sollten die Regel sein. Sie sollten halbjährig an die Körpergröße der Kinder angepasst werden. Die Schaukelbewegung erleichtert außerdem das dynamische Sitzen der Kinder, deshalb ist er meiner Meinung nach sinnvoll.

Die häufigste Sitzgelegenheit in der Schule ist aber der nicht einstellbare Stuhl. Was empfehlen Sie Lehrern, um Beschwerden bei den Kindern dennoch vorzubeugen?

Sie sollten auf dynamisches Sitzen der Kinder achten, wechselnde Sitzpositionen tolerieren und anregen. Spätestens nach jeder Schulstunde sollte eine Bewegungspause gemacht werden. Generell müsste auch der Schulsport ausgeweitet werden, einschließlich Schwimmen.

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