"Leider wissen die Deutschen viel zu wenig übereinander"

Burkhardtsdorfs Bürgermeister sieht Politik beim Erklären ihres Handelns in der Pflicht

Burkhardtsdorf.

Eine vierte Amtszeit wird es für ihn nicht geben. Das hat der Ortschef jetzt bestätigt. Björn Josten hat mit Thomas Probst über seine Zeit in Sachsen und die Zukunftsperspektive gesprochen.

Spätestens zum Ende der Wahlperiode Mitte 2020 ist für Sie als Bürgermeister Schluss. Ist Ihre Mission beendet?


Thomas Probst: Für mich geht ein privat und beruflich prägender Lebensabschnitt zu Ende. Eine Dorfentwicklung ist dagegen niemals abgeschlossen. Das ist ein dynamischer Prozess. Er wird geprägt von Menschen. Stellvertretend für die Vielen möchte ich Siegbert Eberlein, Jürgen Findeklee und Helga Welthe nennen, die diese Entwicklung unheimlich positiv beeinflusst haben.

Inwiefern werden Sie sich in die Nachfolge einbringen? Staffelstabübergabe oder harter Schnitt?

Weder noch. Die Burkhardtsdorfer werden eine weise Entscheidung für die Nachfolge treffen. Ich werde mich nicht dazu äußern. Das gehört sich einfach nicht.

Was kommt für Sie beruflich nach Burkhardtsdorf?

Mich zieht es aus familiären Gründen ins Rheinland. Dort lebt meine Familie, die mich 25 Jahre lang wenig gesehen hat. Nach dem Tod meines Vaters vor wenigen Monaten möchte ich nun zukünftig Familie und Beruf wieder näher zusammen bringen. Beruflich ist derzeit noch nichts spruchreif.

Wagen wir einen Rückblick: Sie haben in Köln und Chemnitz gearbeitet. Wie passt ein Dorf - Burkhardtsdorf - in diese Reihe?

Ganz ehrlich, es war nicht Teil meiner Lebensplanung, Bürgermeister zu werden. Bei der Stadt Köln war es Anfang der 1990er mein Traum, einmal in leitender Position im Ordnungsamt für die Altstadt mit all den Kneipen und Veranstaltungen zuständig zu sein. In Chemnitz habe ich dann unter anderem als persönlicher Referent das Zusammenspiel von Verwaltung und Politik kennengelernt. Überhaupt spielt für mich Kommunikation in der täglichen Arbeit eine wesentliche Rolle - und als Rheinländer bin ich eben sehr kommunikativ. Es liegt mir, für eine Sache, von der ich überzeugt bin, voran zu gehen. Diese Möglichkeit hat sich in Burkhardtsdorf ergeben. Ausschlaggebend für meine Entscheidung, es in Burkhardtsdorf zu wagen, waren viele gute Gespräche im Vorfeld der Wahl darunter eins mit mehreren Burkhardtsdorfern im Thalheimer Ratskeller (lacht) , an das ich mich heute noch gerne erinnere.

Die Nachwendezeit wird oft als wild bezeichnet, wie haben Sie die Zeit empfunden?

Das habe ich so nicht erlebt. Zwar habe ich in Köln von den Kollegen viel über den Ausbau Ost gehört, dass dort richtig etwas losgeht - das hat mich neugierig gemacht und letztlich auch nach Chemnitz gebracht. Die Verwaltung in der DDR war als deutsche Verwaltung aber nicht schlecht strukturiert. Die Mitarbeiter haben dann nach 1990 eine enorme Leistung im Wandel vollbracht. Natürlich war in den 1990er-Jahren vieles einfacher; oft hat ein Telefonat gereicht, um an Fördergeld zu kommen. Das hat gut funktioniert, manchmal wurde aber in der Euphorie zu kurz gedacht. Man denke an die vielen Bäder...

Wann setzten die Mühen der Ebene ein und wie machte sich das bemerkbar?

Die haben sich nicht eingestellt, eben weil ein Dorf auch nie fertig ist beziehungsweise wird. Zwar haben wir heute eine gute Infrastruktur oder eine gut ausgerüstete Feuerwehr, dennoch gibt es immer etwas zu tun. Beispielsweise erneuern wir in den kommenden Jahren nach und nach die Brücken im Ort. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Demokratie auch davon lebt, dass viele mitmachen. Das habe ich früher intensiver erlebt. Heute ziehen sich viele ins Private zurück oder pflegen eine Dagegen-Haltung.

Ist aus dem Amt je eine Berufung geworden?

Das Bürgermeisteramt halte ich von allem politischen Ämtern für das forderndste, aber auch für das erfüllendste. Ich erinnere mich an die Gemeinderatssitzung im April 1999. Da ging es darum, eine Grundschule im Gemeindegebiet zu schließen. Nach langer sachlicher Debatte hat es dann die Schule in Kemtau getroffen. Der Rat musste dies mitten im Bürgermeisterwahlkampf entscheiden und hat vor etwa 200 Bürgern im alten Kino nahezu einstimmig entschieden. Im Saal gab es anschließend Applaus. Heute unvorstellbar. Bei der Bürgermeisterwahl habe ich in Kemtau dann knapp 70 Prozent der Stimmen erhalten. Da wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war zu kandidieren. Einfach weil die Menschen im Ort sachlichen Argumenten stets den Vorzug gegeben haben. Das war und ist nicht selbstverständlich.

Der Mauerfall jährt sich zum 30. Mal. Sind Ossi und Wessi noch relevante Kategorien?

Diese Bezeichnungen gibt es und sie wird es wohl auch weiterhin geben. Wenn sie nur zur regionalen Verortung benutzt werden, ist das auch gar kein Problem. Regionale Unterschiede machen doch gerade den Reiz von Deutschland aus. Allerdings brauchen wir einen neuen gedanklichen Aufbruch. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie es sein kann, dass Milliarden in den Osten geflossen sind und die Bürger sich trotzdem abgehängt fühlen und an den Rändern wählen. Viele Spitzenpolitiker in Berlin und anderswo wissen heute immer noch nicht, wie es im Osten wirklich aussieht.

Für viele ist "der Westen" DIE Vergleichsgröße. Doch wäre ein Vergleich mit Polen oder Tschechien nicht viel ehrlicher?

Nein, auf keinen Fall. Diese Länder sind von Ihrer Struktur und Geschichte her viel zentralistischer und nicht wirklich vergleichbar. Außerdem halte ich nichts von Vergleichen. Sie halten uns nur davon ab, unser eigenes Umfeld zu betrachten und verantwortlich zu gestalten. Leider wissen die Deutschen noch immer viel zu wenig übereinander. Während im Westen viele nichts über den Osten wissen, weiß im Osten kaum jemand etwas über die reale Situation in der alten Bundesrepublik oder die Probleme und Sorgen der Menschen dort. Generell muss Politik viel mehr erklären. Das fängt schon bei uns auf der Dorfebene an. Es ist wichtig, den Menschen zu sagen, warum diese oder jene Veränderung notwendig ist.

Wo sehen Sie Sachsen in 15 Jahren?

Das Erzgebirge wird sich stetig und gleichmäßig entwickeln - mit Augenmaß, Fleiß und Sparsamkeit. So entstehen auch in den Dörfern tolle Dinge. Auch für Sachsen braucht man sich keine Sorgen zu machen. Immerhin gehören wir zu den stärkeren Ländern der Bundesrepublik. Allerdings brauchen wir noch mehr Dialog in der Gesellschaft und noch mehr Menschen, die mit anfassen. Sachsen muss zudem auch politisch noch greifbarer leben, dass es weltoffen und nicht fremdenfeindlich ist. Auch und gerade um junge Menschen für dieses schöne Land zu begeistern.

Noch eine persönliche Frage: Gehen Sie als Hiesiger oder sind Sie Uhiesiger geblieben?

Hm. (denkt lange nach) Ich verlasse nach 25 Jahren mein Zuhause und gehe ins Rheinland, ziehe quasi raus in die Welt, schaffe mir einen neuen Lebensmittelpunkt und möchte mich beruflich und persönlich weiterentwickeln. Ob ich als Hiesiger gehe oder Uhiesiger geblieben bin, ist für mein Gefühl von Dankbarkeit und Zufriedenheit nicht wichtig, das sollen die Menschen im Dorf jeder für sich entscheiden.


Zur Person

Thomas Probst (51) ist seit 1999 Bürgermeister der Gemeinde Burkhardtsdorf. Er ist bei der Stadt Köln zum Diplom-Verwaltungswirt ausgebildet worden und wechselte 1995 ins Rechnungsprüfungsamt in Chemnitz.

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