Messerangriff in Aue beschäftigt weiter Ermittler

An Heiligabend endete ein Streit in einem Pfarrhaus beinahe tödlich. Die Hintergründe werden immer noch untersucht. Die Kirchgemeinde will in Kürze zu einem offenen Gespräch laden.

Aue.

Mehr als sechs Wochen nach dem blutigen Messerangriff mit zwei Verletzten im Pfarrhaus der St.-Nikolai-Kirchgemeinde in Aue sind die genauen Hintergründe der Tat weiter unklar. Die Ermittlungen zu der Auseinandersetzung an Heiligabend seien noch nicht abgeschlossen, berichtet die zuständige Staatsanwaltschaft Chemnitz. In Untersuchungshaft sitzen weiterhin ein 53 Jahre alter Syrer und sein minderjähriger Sohn (17). Dem Vater legt die Staatsanwaltschaft Anstiftung zum versuchten Totschlag zur Last. Zugestochen haben soll der 17-Jährige, strafbar als versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Zudem wird gegen zwei weitere Beschuldigte wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Der 53-Jährige und ein Iraner sollen während einer Weihnachtsfeier für bedürftige Menschen in Streit geraten sein. Als der Streit eskalierte, wurde ein 51 Jahre alter Ehrenamtler beim Versuch zu schlichten mit einem Messer in die Seite gestochen. Auch der 34-Jährige aus dem Iran wurde leicht verletzt.

Dem damals schwer verletzten Gemeindehelfer Mike Weller geht es mittlerweile den Umständen entsprechend gut. "Ich bin einfach sehr dankbar, dass ich noch hier bin und dass so viele Anteil genommen haben", sagte er. Dass ihm ein Messer in die Seite gerammt wird, bemerkt der Helfer erst überhaupt nicht. "Ich habe nichts gesehen und nichts gespürt." Erst Minuten später habe er an sein T-Shirt gefasst, weil es sich nass anfühlte. Nass vom Blut.

Mike Wellers Stiefvater, Horst Dippel, kündigte zuletzt an, dass die Familie als Nebenkläger auf versuchten Mord plädieren will. Der Gemeindehelfer hat das Geschehen seinen Angaben nach verarbeitet, verspürt keinerlei Hass und ist so lebenslustig wie zuvor, obwohl ihm die Verletzung im Zusammenhang mit einer Vorerkrankung noch zu schaffen macht. "Ich bin weiter dabei, keine Frage. Aber das versteht nicht jeder", sagt Weller. Sein Ehrenamt aufzugeben, daran habe er keine Sekunde lang gedacht.

Dass bis Ende Januar zunächst vier Wochen lang unklar war, wer auf der Weihnachtsfeier ein Messer zog und zustach, begründet die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Ingrid Burghart, mit den komplizierten Ermittlungen: "Es mussten einige Zeugen vernommen werden, da viele Menschen vor Ort waren."

Der Oberbürgermeister von Aue-Bad Schlema, Heinrich Kohl (CDU), erklärte vor einigen Wochen, dass die Folgen der Tat die Stadt weiter beschäftigen werden. "Es war ein erheblicher Rückschlag für alle Integrationsbemühungen", sagte er. "Das wird sich nur mit großer Mühe heilen lassen."

Pfarrer Jörgen Schubert will das Geschehen bei einem offenen Gemeindegespräch Ende März thematisieren. Dabei soll es auch darum gehen, wie es gelingen kann, friedlich mit Ausländern zusammenzuleben. Der Vorfall erweckte in der Stadt viel Aufsehen. Hunderte folgten dem Demo-Aufruf eines NPD-Politikers. Die Gemeinde selbst widersprach der politischen Vereinnahmung der Tat. "Wir verwahren uns dagegen, diese Straftat zum Anlass zu nehmen, alle Fremden als potenzielle Gewalttäter zu betrachten", heißt es in der Stellungnahme, die noch immer auf der Startseite von St. Nicolai zu lesen ist. (mit dpa)


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.