Montessori Thalheim: Verband verärgert

Sachsen-Chef über den derzeit in der Kritik stehenden Betreiber Jugendstätten Stocker - Qualitätsmarke soll Eltern bessere Orientierung geben

Thalheim.

Untergebracht in Indianerzelten im Wald, dann in einer Montessori-Ausweichschule - 21 Kilometer entfernt im Chemnitzer Stadtteil Stelzendorf: Erst sechs Wochen nach Schulbeginn werden die derzeit 36 Grundschüler in die Thalheimer Montessori-Schule mit Unterricht vor Ort beginnen. Jan Oechsner sprach mit Uwe Thümmel, Vorsitzender des Sächsischen Montessori-Verbandes.

Freie Presse: Sind die Jugendstätten Stocker im Sächsischen Montessori-Landesverband eigentlich Mitglied?

Uwe Thümmel: Nein. Auch bei unseren Mitgliedern, insbesondere bei Einrichtungen in der Aufbauphase, kann es schon mal zu solchen Problemen kommen. Kein Thema. Aber wenn man dies wie bei den Jugendstätten Stocker so beobachtet und alles über die Jahre zusammen betrachtet, dann gibt mir das schon zu denken. Das ist ungewöhnlich.

Kennen Sie die Situation der Thalheimer Montessori-Schule?

Nicht im Detail, aber grob. Ich kenne Stocker aus meinen Chemnitzer Zeiten, das ist zehn Jahre her. Damals war ich Vorsitzender des dortigen Montessori-Vereins. Stocker hatte die Stelzendorfer Schule mit dem Montessori-Konzept übernommen - aber es gab dann viel Ärger mit dem Lehrpersonal wegen ausstehenden Lohnzahlungen. Nachdem mehrere Fristen zur Nachzahlung verstrichen waren, kündigte auf einen Schlag die gesamte Lehrerschaft. Die Bildungsagentur (heute Landesamt für Schule und Bildung, Lasub - Anm. d. Red.) musste sich einschalten und Druck machen. Aber wie gesagt, das ist lange her.

Die Jugendstätten hatten nun auch viel Ärger am Montessori-Standort Adorf - die Stadtverwaltung in Neukirchen hat Stocker als Mieter gekündigt. Nun der Umzug nach Thalheim, wieder mit Problemen. Beschädigt dies nicht auch den Markennamen Montessori? Sie sind ja angewiesen auf einen guten Ruf.

Zum Glück sind so extreme Beispiele die Ausnahme. Aber es ist immer schade und ärgerlich, wenn so die hervorragende Arbeit der weitaus meisten Montessori-Kinderhäuser und -Schulen in Misskredit gebracht wird. Das Problem in dieser Gemengelage: Maria Montessori ist eine Person der Zeitgeschichte. Ihr Name kann nicht markenrechtlich geschützt werden - wie etwa bei den Waldorf-Schulen. Wer sich dort nicht ans Konzept des Dachverbandes hält, kann seine Schule sonst wie nennen - aber nicht Waldorf.

Also haben Sie bei Trägern, die nicht im Verband sind, womöglich ein Problem: Ist wirklich auch ausreichend Montessori drin, wo Montessori drauf steht?

25 Montessori-Einrichtungen, etwa jede zweite in Sachsen, sind im Sächsischen Landesverband organisiert - darunter übrigens auch drei im Raum Annaberg-Buchholz. Die machen in den allermeisten Fällen gute Arbeit. Aber nicht bei uns zu sein, sagt nicht zwingend etwas über die Qualität aus. Formal ist das Lasub für die Prüfung zuständig. Es hat zu schauen, ob die Genehmigungsvoraussetzungen einer freien Schule auch später noch erfüllt sind. Dazu gehören unter anderem das pädagogische Konzept und die baulichen Voraussetzungen. Ob das in Thalheim geschehen ist, weiß ich nicht.

Was kann Ihr Verband also tun?

Gemeinsam mit dem Montessori-Dachverband Deutschland entwickeln wir gerade eine rechtlich geschützte Qualitätsmarke, die zukünftig als Erkennungszeichen für gute pädagogische Arbeit von Montessori-Einrichtungen dienen soll. Eine solche Marke erhält man dann nur nach sorgfältiger Prüfung.

Ist das auch eine Reaktion auf problematische Ausnahmen wie derzeit etwa Thalheim eine ist?

Nicht direkt. In Thalheim ist ja die bauliche Situation und damit die Notunterkunft für die betroffenen Kinder das Problem. Unsere Marke aber soll ja vor allem die Umsetzung des pädagogischen Konzepts prüfen. Wie gut das in Thalheim ist, kann ich aber nicht wissen. Mit der Qualitätsmarke für unsere Einrichtungen wollen wir im Innenverhältnis die Entwicklung unserer Einrichtungen vorantreiben, nach außen den Eltern signalisieren: Die Schule oder das Kinderhaus ist eine geprüfte Einrichtung - nach den Standards der Montessori-Pädagogik aufgestellt und nach denen wir unterrichten. Die Botschaft soll sein: Diese Einrichtung verdient Vertrauen. Das ist dann auch eine gute Orientierung für Behörden.

Können Sie ein paar Beispiele für solche Standards nennen?

Die eingesetzten Pädagogen müssen neben dem Studium noch eine ein- bis zweijährige Montessori-Ausbildung absolviert haben. Die Träger müssen zudem nachweisen, dass die Umgebung der Schule stimmt: Räume, Mobiliar, Materialien, Tagesablauf. Erfüllt das alles unsere Anforderungen? Und: Wird die Philosophie der Freiarbeit für die Kinder, die selbst über ihr Lernen entscheiden, gewährleistet? Das sind nur drei grob genannte Punkte von vielen.

Wann kommt die Marke?

Der Qualitätsrahmen steht. Die Probephase ist schon vorbei, Korrekturen werden gerade in das abschließende Prozedere eingearbeitet. Ab dem 1. Januar 2021 geht es dann los.

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