Nach 30 Jahren und 2600 Führerscheinen: Neuwürschnitzer Fahrlehrer hört auf

Vor 30 Jahren hat Peter Scheiter seine Fahrschule in Neuwürschnitz eröffnet. 2600 Schüler haben bei ihm die theoretischen Grundlagen und das Fahren gelernt. Trotz großer Nachfrage bricht für ihn nun eine neue Zeit an.

Neuwürschnitz.

Als Peter Scheiter 1990 mit seiner Fahrschule an den Start ging, konnte es besser kaum laufen. Nach einer Annonce in der "Freien Presse" hatten sich sofort rund 200 Leute aufschreiben lassen, denn zu DDR-Zeiten gab es vielerorts längere Wartezeiten. Teils mussten sich Interessierte zwei Jahre gedulden. Doch Peter Scheiter relativiert den anfänglichen Ansturm: "Viele haben sich einfach bei jeder Fahrschule angemeldet." Und mit der Wende haben sich in diesem Metier viele selbstständig gemacht.

Peter Scheiter allerdings hatte damals bereits einige Erfahrung gesammelt. Der gelernte Spitzendreher arbeitete bis 1990 als Lehrmeister bei Robotron. Doch bereits 1978 hatte er den Fahrlehrerschein gemacht und war innerhalb der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) als Fahrlehrer tätig. Damals ging es vor allem um den Lkw-Führerschein, den die GST eigentlich nur angehenden Militärkraftfahrern ermöglichen sollte. Genutzt wurde das preiswerte Angebot jedoch von vielen GST-Mitgliedern.

Seine eigene Fahrschule eröffnete Peter Scheiter im August 1990 mit drei Autos: Zum familieneigenen Wartburg hatte Scheiter fürs Geschäft damals einen Trabant und einen Lastkraftwagen W50 preisgünstig erworben. Mit seiner DDR-Fahrlehrerlizenz allein allerdings durfte er nicht an den Start. Der Fahrlehrerabschluss der DDR wurde nicht anerkannt. Deshalb war 1989 ein Anpassungslehrgang für die DDR-Fahrlehrer eingeführt worden.

Tatsächlich gab es zwischen der Straßenverkehrsordnung der DDR und der BRD einige Unterschiede. Dazu gehörte zum Beispiel die Regel für zwei sich entgegenkommende Linksabbieger. Während in der DDR bereits das tangentiale, also das voreinander Abbiegen vorgeschrieben war, mussten Linksabbieger 1990 nach BRD-Recht noch umeinander herumfahren. Erst 1992 wurde voreinander Abbiegen in Deutschland verpflichtend. In dem Kurs in Neuoelsnitz waren damals 36 Leute, und die Vorgaben waren streng. "Es gab eine Null-Fehler-Toleranz." Zudem war die Möglichkeit der Wiederholung nicht vorgesehen. Scheiter schaffte es ebenso wie das Gros seiner Mitstreiter.

Trotzdem gab es noch Hürden. So mussten Fahrschulen damals Lehrmodelle haben. Doch weil in der DDR die Fahrschulen gerade wie die Pilze aus dem Boden schossen, gab es Lieferengpässe. Peter Scheiter hatte von einem Fahrlehrer in Bayern erfahren, der solche Modelle selbst herstellt. Er fuhr hin, und das Problem war gelöst. Dazu gab es von dem bayrischen Kollegen etliche Praxis-Tipps, wie sich Scheiters Frau Gudrun erinnert: "Der für mich wichtigste Hinweis lautete: Bleiben Sie klein. Diesen Satz werde ich nie vergessen." Sie selbst hat damals zwar noch als kaufmännische Angestellte bei der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHG) gearbeitet, doch von Anfang an hat sie ihren Mann bei der Buchhaltung unterstützt.

Später stieg sie voll mit ein und avancierte zur guten Seele des Unternehmens. Wenn Theorie gepaukt wurde, sorgte sie für Kaffee und Kuchen, und mancher Kursteilnehmer wandt sich auch mit seinen privaten Nöten an sie. "Wir waren eine Fahrschule mit Familienanschluss", so Gudrun Scheiter. Die Absolventen reichten vom Jugendlichen bis zum älteren Semester. So war die älteste Fahrschülerin weit über 60.

Auch problematische Fälle wurden nicht abgewiesen. So brauchte ein nicht ganz so vigilanter Schüler zwei Jahre für Theorie und Praxis. Am Ende allerdings war er stolzer Besitzer einer Fahrerlaubnis, denn Geduld und Ruhe waren immer die Markenzeichen von Peter Scheiter, der in den vergangenen Jahren schon etwas kürzer getreten ist. Im Dezember haben die letzten drei Schüler des inzwischen 76-Jährigen die Prüfung bestanden. Nach 30 Jahren und rund 2600 Fahrschülern ist nun Schluss.

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.