Neue Mobilität: Pedelecs zum Probieren

Stollberg möchte seine Bürger dazu animieren, das Auto häufiger stehen zu lassen. Für Testprojekte und Umfragen gibt es viel Fördergeld. Nächstes Jahr startet die heiße Phase.

Stollberg.

Im Zentrum steht das Anliegen, die Ortsteile besser an die Stollberger Innenstadt anzubinden, ohne den Individualverkehr zu steigern. Die Bürger sollen also das eigene Auto nach Möglichkeit häufiger stehen lassen. Das Ziel ist ambitioniert genug. Zumal der Öffentliche Personennahverkehr nicht alle Ortsteile optimal anbindet. "Oberdorf, Beutha, Raum und der obere Teil von Mitteldorf sind eher schlecht angebunden", sagt Stollbergs Mobilitätsmanager Patrick Roßner. Unter der Woche gebe es vier bis sechs Busverbindungen, die sich an den Schulzeiten orientierten, und am Wochenende gar keine.

Stollberg hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Mobilitätslücken mit passgenauen Angeboten zu füllen. Dafür hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nun 180.000 Euro Fördergeld bereitgestellt. Die Summe wird mit Stollberger Eigenmitteln in Höhe von 45.000 Euro aufgestockt. Es ist vorgesehen, von diesem Geld zwei Angebote zu etablieren: einen Ortsbus und Pedelecs, also elektrisch unterstützte Fahrräder, für jeden Ortsteil. Der Bus ist dabei für ältere Menschen gedacht, die für Besorgungen, Arztgänge oder zum Einkaufen in die Stadt möchten und für Kinder und Jugendliche, die Vereinsangebote in Stollberg nutzen. "Ich kann mir vorstellen, dass wir den Eltern den Rückweg vom Training abnehmen", sagt Roßner. Die gewonnene Zeit wüssten diese sicherlich gut zu nutzen. Starten kann das Angebot allerdings erst Anfang 2021, weil erst dann das Geld für die Anschaffung des Busses im Haushalt vorgesehen ist. "Es kann auch sein, dass wir zwei Busse anschaffen", sagt Roßner. Im Blick hat er dabei Kleinbusse.

Bis dahin ist noch viel zu tun, um die Modalitäten zu klären. Wünschenswert wären ein oder mehrere festangestellte Fahrer, führt Roßner aus. Das sei vom Fördermittelgeber vorgegeben. Für die Fahrgäste sollen die Fahrten kostenlos sein. Wo und wann besonderer Bedarf vorhanden sei, müsse ebenfalls noch geklärt werden. Dazu sollen die Bürger befragt werden. Auch rechtlich gelte es, ein wasserdichtes Angebot zu entwickeln. "Das Personenbeförderungsgesetz muss beachtet werden. So müssen entgeltliche Angebote beantragt werden", erklärt Roßner. Als entgeltlich gelte ein Angebot schon, wenn es Fixkosten verursache.

Parallel führt die Stadt auch Gespräche mit dem Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) und dem RVE. Im Fokus steht dabei der Stadtverkehr. "Es hat sich viel getan, seit die Linien konzipiert worden sind", begründet Roßner. Es müsse überprüft werden, ob noch alle Haltestellen an geeigneten Stellen verortet seien.

Neben dem Busservice möchte Stollberg auch Alltagsradverkehr stärken. "Wir möchten eine Handvoll Pedelecs in jedem Ortsteil zur Verfügung stellen", sagt Roßner. Anfang 2021 werden 20 bis 30 solcher Räder angeschafft, die von Bürgern ausgeliehen werden können. Auch hier müssen die Modalitäten erarbeitet werden. Vom Tisch scheint jedoch zu sein, feste Ausleihstationen zu installieren. "Wir würden die Räder gern an öffentlich genutzten Orten anbieten", sagt Roßner.

Wer die Pedelecs wozu nutzen könnte, muss sich ebenfalls noch entwickeln. Doch auch hier sieht Roßner den vornehmlichen Nutzen in dem Angebot an sich. "Wir wollen die Bürger für eine andere Art der Mobilität sensibilisieren", führt er aus. Daher sei es auch denkbar, die Räder für Schnupperwochen beispielsweise an Firmen auszuleihen.


Umfrage zum Mobilitätsverhalten

Zur "Mobilitäts-Werk-Stadt 2025", dem übergeordneten Projekt, wird die Stadt Stollberg demnächst eine Umfrage starten. Darin werden diverse Gewohnheiten der Bürger abgefragt. "Wir möchten von den Leuten wissen, wie oft und aus welchem Grund sie mit dem Auto oder anderen Verkehrsmitteln unterwegs sind", umreißt Mobilitätsmanager Patrick Roßner grob das Anliegen.

Ebenfalls Teil dieser Umfrage werden alternative Mobilitätsformen und deren Akzeptanz in der Bevölkerung sein, wie Roßner weiter ausführt. Begleitet wird diese Umfrage von der TU Chemnitz. (bjost)


Kommentar: Breiter denken

Könnte, würde, hätte: Zurzeit ist noch vieles vage in der Stollberger Mobilitätswelt der Zukunft. Das irritiert bei den Summen, die aus Fördertöpfen nach Stollberg fließen. Freilich, zu Beginn eines Projektes kann nicht alles in Stein gemeißelt sein. Das ist bei diesen Mobilitätsprojekten sogar schädlich. Denn diese sollen eben austesten: Gewohnheiten abfragen, mögliche Alternativen erforschen und dafür passende Angebote konzipieren. Ein bislang glückloses Projekt wird neu ins Rampenlicht gerückt; ein Stadtbus, der Ältere zu Besorgungen fahren würde und Jüngere vom Training abholen könnte. Das hätte den Charme, dass weniger Autos unterwegs wären. Bisher kreisen die Stadtbus-Ideen zu stark um den FC Stollberg. Dabei darf es nicht bleiben. Denn das Steuergeld steht nicht für Fußballvereins-, sondern für Stadtbusse bereit. Hier ist noch einiges an Konzeptarbeit von Nöten.

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