Nicht nur Schaustück in einer Vitrine

Was bedeutet der Bergbau für die Region und welchen Anteil hat der Welterbetitel für das Identitätsgefühl der hier lebenden Menschen? Dieser Frage gingen jetzt Fachleute und Interessierte im Bergbaumuseum nach. Es geht darum, Vergangenheit in die Zukunft zu tragen.

Oelsnitz.

Das Welterbe-Projekt Montanregion Erzgebirge muss von den Einheimischen getragen werden und sollte nicht als Spleen von Fachleuten gesehen werden. Die für das Leistungsvermögen der Vorgängergenerationen stehenden einzigartigen technischen Denkmäler stiften kulturelle Identität und haben auch im digitalen Zeitalter eine Zukunft. Dieser Tenor bestimmte eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierte Begegnung im Bergbaumuseum Oelsnitz in dieser Woche.

Im Vorfeld der 2020 stattfindenden 4. Sächsischen Landesausstellung zur Industriekultur nutzten Montanexperten, Bergleute, Politiker aber auch Kulturwissenschaftler und interessierte Einheimische die Zusammenkunft, um über die Aspekte der Erbepflege zu diskutieren. "Der Bergbau war und ist für die Region prägend. Wie nun weiter, wenn dieser Industriezweig nicht mehr existiert?", fragte Diskussionsleiter Lucas Fischer von der Kulturstiftung Sachsen.

Mit Hochschullehrer Helmuth Albrecht wusste der wissenschaftliche Initiator des erfolgreich bewerkstelligten Welterbe-Projektes Montanregion Erzgebirge den Teilnehmern komprimiert den 21-jährigen Bewerbungsweg darzulegen. "Wir haben den Titel deshalb zuerkannt bekommen, gerade weil wir viele Einheimische ins Vorhaben einbezogen und mitgenommen haben", so der Freiberger Industriearchäologe. Vertreter von 35 Kommunen und drei Kreisen hätten länderübergreifend mit tschechischen Partnern zusammengehalten und langen Atem bewiesen, diese Vergangenheit weiter zu tragen. "Dabei war der die Basis gebende Bergbau zunächst der Impuls für die Fachleute. Doch schnell war klar, dass das Projekt nur erfolgreich ist, wenn es eine gesamte Region als Chance sieht zu zeigen, welches Leistungsvermögen hier einst zuhause war und wie sich die Erzgebirger immer wieder neu aufgestellt haben", so Albrecht.

Mit dem den Abend mitgestaltenden Geschäftsführer des viel beachteten Ferropolis-Projektes in Sachsen-Anhalt, Thies Schröder, vertritt er die Ansicht, dass es sich bei der Erbepflege nicht allein um das ausgestellte Schaustück in einer Vitrine handele. In gewisser Weise müsse das Montanprojekt ein neues Berggeschrey 4.0 auslösen. Mit dem Vorhandenen spielerisch umgehen, es zeitgemäß für die heutige Generation aufbereiten, etwa mittels virtueller Realität, dies sieht er als eine der anstehenden Aufgaben. Die Referenten entwickelten ihre Vision, einen Tagebau des Wissens zu schaffen, in dem die Objekte der Montanstandorte genauso das Thema sind, wie Aspekte der Ökonomie, des Kulturlebens, aber auch der Ökologie.

Exemplarisch skizzierte Helmuth Albrecht das Beispiel der Tourismusindustrie im Erzgebirge. "Da wird die stolze Summe von rund 900 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. Von anderen Welterbestandorten wissen wir, dass durch den Titel ein Zuwachs von 20 bis 30 Prozent zu generieren ist. Doch dafür müssen wir anpacken." So sieht der Fachmann das Erzgebirge in der Pflicht, mehrsprachige Angebote zu unterbreiten, etwa auf Englisch. "Abzusehen ist, dass wir keine Voraussetzungen für den Massentourismus bieten, aber die Nischen sind unsere Chance. Dabei denke ich etwa an die Wanderer und Radfahrer, die mit den E-Bikes eine neue Mobilität erreichen. Es bedarf der Rad- und Ladestationen und überhaupt vorhandener Radwege. Entlang der Strecken müssen Pensionen und Hotels die Infrastruktur bieten." Ein solches Umfeld sieht der Experte auch als Chance, Berufsnachwuchs zu halten und Fachkräfte zu gewinnen, im Erzgebirge zu arbeiten. Selbst in der Region beheimatete Marktführer rufen nach Mitarbeitern. Einigkeit herrscht in der Runde, das Welterbe nicht rückwärtsgewandt als Verstaubtes zu betrachten, sondern als Beispiel des Strukturwandels.

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