Notlösung in der Hitze: Kühe dürfen nur nachts auf die Weide

Die Schlachtung von Rindern wegen Futtermangels ist im Erzgebirge kein Thema. Aber die Trockenheit treibt auch hiesigen Landwirten Sorgenfalten ins Gesicht. Wie gehen sie mit der Situation um?

Lugau/Gornsdorf.

Normalerweise bringt Dirk Ulbrich seine Kühe auf die Weide. Aber das tut der Landwirt den Tieren wegen der Hitze schon lange nicht mehr an. "Sie bleiben im Stall", sagt der Lugauer. Auf der Weide stehe ja eh nichts mehr, "es ist alles braun". Deshalb füttere er bereits die für den Winter gedachte Silage vom Vorjahr. Damit seine 45Tiere dennoch "mal rauskommen", lasse er sie wenigstens nachts für ein paar Stunden raus.

Die aktuelle Situation bezeichnet der Landwirt, der seinen Betrieb gemeinsam mit zwei Angestellten bewirtschaftet, als bescheiden. Aber er sagt auch, dass es in anderen Gegenden noch schlimmer ist. Die Getreideernte habe er bereits abgeschlossen und sein Mais stehe, weil er durch zeitiges Legen noch etwas Feuchtigkeit mitbekommen habe, ganz gut, erklärt er. Das passt zu dem, was Werner Bergelt, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Erzgebirge, sagt: Die Ernte-Ausfälle im Erzgebirge halten sich in überschaubarem Maß. Die Getreideerträge liegen ihm zufolge bei 80 bis 100 Prozent im Vergleich zu anderen Jahren. "Natürlich haben die Bauern auch hier weniger geerntet, aber das ist nicht existenzbedrohend." Bergelt bestätigt aber auch, was der Lugauer Landwirt erklärte: Das Problem sei die Futtergewinnung. "Das Wachstum auf den Dauergrünlandflächen ist zum Erliegen gekommen", sagt Bergelt. Er geht aber davon aus, dass keiner in der Region daran denkt, sein Vieh zum Schlachter zu bringen, wie es anderswo schon geschehen ist. "Es lohnt sich unterm Strich auch nicht, weil der Rindfleischpreis schon runtergegangen ist." Und es ist aktuell auch offenbar schwer, einen Schlachtbetrieb zu finden, wie Dirk Ulbrich von einem Viehhändler erfahren hat. Denn die Tiere kämen lastzugweise aus jenen Gebieten, wo es ganz schlimm aussieht mit der Futtersituation, auch in die hiesige Region zum Schlachten.

Verbands-Chef Bergelt gewinnt der Trockenheit allerdings auch etwas Gutes ab: "Das geerntete Getreide ist trocken und kann sofort in die Lagerung. Das spart Zeit und Geld." Bernd Voitel bestätigt das. "Für die Getreide- und Strohernte ist das Wetter optimal", sagt der Geschäftsführer der Gornsdorfer Agrarproduktion (Goag) und zugleich Vorstandschef der Agrargenossenschaft Dorfchemnitz. Aber auf die Futterproduktion hat die lange Trockenheit auch für die landwirtschaftlichen Großbetriebe negative Auswirkungen. "Bei der Grassilageproduktion haben wir größere Ausfälle", sagt Voitel. Von den ursprünglich geplanten fünf Schnitten auf Ackerfutterflächen falle einer definitiv weg. Der vierte stehe an, aber man rechne bei diesem mit Einbußen. "Selbst wenn es jetzt regnen sollte, ist das nicht mehr aufzuholen."

800 Milchkühe, 800 Jungrinder sowie 1850 Schweinemastplätze zählen Goag und Agrargenossenschaft Dorfchemnitz zusammen. Wer da keine Reserven habe, für den werde es problematisch, erklärt Voitel. Man könne bei den Kühen, die ja mit ihrer Milchleistung sozusagen Hochleistungssportler seien, nicht einfach die Leistung herunter fahren, das schade der Tiergesundheit. Im Moment verfüttere man noch Reserven aus dem Vorjahr. Aber man suche parallel nach Alternativen und Einsparpotenzialen.

Wie sehen die aus? Zum einen könne man die Rezepturen beim Gras-Mais-Silage-Mix zugunsten von Mais verändern oder auch Häckselstroh einsetzen, sagt Voitel. Und: Man arbeite noch mehr als sonst daran, Futterverluste zu minimieren, sowohl durch eine bessere Resteverwertung als auch durch die Reduzierung von Lagerverlusten. Denn Futter zuzukaufen koste Geld und sei schließlich auch nicht so einfach. "Wer ist derzeit bereit, Futter zu verkaufen?" Aber man stehe natürlich in Kontakt mit Berufskollegen, es gebe da durchaus Solidarität und Überlegungen, wer "im Fall von Plan B wem helfen könnte".

Dass das Bundeslandwirtschaftsministerium Hilfen in Aussicht stellt, findet Voitel einerseits richtig, denn solche Situationen wie die jetzige können in wirtschaftliche Engpässe führen. Aber er erinnert andererseits an eine alte Bauernweisheit: "Ein guter Bauer muss drei Ernten verwalten - eine auf dem Feld, eine in der Scheune und eine auf dem Konto." Denn der größte Feind der Landwirtschaft seien bekanntermaßen Wetterkapriolen - das Ziel müsse also sein, wieder mehr Ertragsreserven und Rücklagen zu bilden, um solche Dürrezeiten aus eigener Kraft überbrücken zu können. (mit ike)

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