Öko-Bewusste scheitern oft an der Theke

Umweltverschmutzung durch Plastikmüll ist ein großes Thema. Wer Gutes tun will, versucht also, ihn zu vermeiden. Mit der gut gemeinten Idee, eigene Gefäße beim Wurst- oder Salatkauf zu nutzen, zieht mancher aber vielmals ernüchtert wieder von dannen. Warum?

Stollberg.

Gerhard Haase ist enttäuscht. Der Auerbacher wollte etwas für die Umwelt tun: Um Einwegbehältnisse aus Plastik beim Kauf unverpackter Lebensmittel wie Salat oder Brathering einzusparen, nahm er eine Schüssel mit Deckel mit ins Geschäft - und scheiterte. "Mitgebrachte Kundenbehältnisse dürfen aus hygienischen Gründen nicht befüllt werden", habe es geheißen. "Wie ist denn das zu verstehen?", will er wissen.

Das fragen sich viele, die umweltbewusst leben wollen. Denn mit dem Problem gehen die Geschäfte unterschiedlich um. Man erlebt wie Gerhard Haase die strikte Verweigerung, aber auch die Möglichkeit, die Ware vor der Theke umzufüllen - wie es beispielsweise in der Fleischerei am Markt in Stollberg auf Nachfrage angeboten wird. Die benutzte Einwegverpackung lande dann aber trotzdem im Müll, hieß es. Man spart also die 20 beziehungsweise 30 Cent für das Styroporgefäß, Plastikmüll vermeidet man nicht. Es gibt aber tatsächlich Märkte, die ein Abfüllen in eigene Gefäße nicht nur ermöglichen, sondern gar damit werben, damit Nachhaltigkeit zu unterstützen. Zu diesen gehört das Unternehmen Simmel, das im Erzgebirge Märkte in Aue, Stollberg und Schwarzenberg betreibt. Wie sind solche Unterschiede möglich? Wer hat das Recht auf seiner Seite?

Die Rechtslage: Im Erzgebirgskreis gibt es zu dem Thema keine Sonderregelung, erklärt André Beuthner von der Pressestelle des Landratsamtes. "Es gelten die gleichen Rechtsgrundlagen wie in ganz Deutschland beziehungsweise der EU." Prinzipiell handle es sich immer um Einzelfallentscheidungen - und die lägen primär im Verantwortungsbereich des Lebensmittelunternehmers. Dieser habe die hygienischen Anforderungen einzuhalten, wie sie auch der Deutsche Fleischer-Verband fordert (siehe Kasten).

Im Beschwerdefall über die so übergebenen Produkte werde unter Umständen aber eine Beweisführung dahingehend schwierig sein, ob nun das Produkt selbst oder das eventuell keimhaltige Behältnis ein Verderbnis herbeigeführt hat, erklärt Beuthner. Insofern sei eine solche Praxis eher nachteilig für den Kunden. Aber das hänge auch stark von der Art des Produktes ab. So sei ein Abfüllen von Heißgetränken aus mikrobiologischer Sicht "viel unproblematischer zu sehen als die Abgabe von losem Hackfleisch".

Die Praxis: Die Tatsache, dass letztendlich immer der Verkäufer haftet, wenn es zu hygienischen Problemen kommt, ist offenbar der Hemmschuh des Ganzen. Andreas Fröhlich, Geschäftsführer der Neuwürschnitzer Fleisch- und Wurstwaren AG, fühlt sich darum außerstande, in seinen insgesamt 14 Filialen eine einheitliche Lösung anzubieten. Geschäfte des Unternehmens gibt es unter anderem in Annaberg-Buchholz, Beierfeld und Zwönitz, auch jenes am Stollberger Markt gehört dazu. Dort, wo es nachgefragt wird, gebe es durchaus Lösungen, aber die seien auch von den jeweiligen Räumen abhängig. "Ich kann das mitgebrachte Gefäß nicht einfach über die Theke nehmen", sagt er. An erster Stelle stehe die Sicherheit der Kunden, also, dass die Lebensmittel nicht nachteilig beeinflusst werden.

Vorstandschef Peter Simmel hat für seine Märkte eine Lösung gefunden: ein extra Tablett. Der Kunde stellt sein geöffnetes Behältnis auf dieses, die Mitarbeiterin gibt die Ware auf seiner Seite der Theke in die Dose, ohne diese zu berühren, der Kunde verschließt sie dann selbst. Vor etwa zwei Jahren habe man dies eingeführt, sagt Simmel. Damals waren die Plastikbeutel am Gemüsestand durch Papiertüten ersetzt worden, obwohl diese wesentlich teurer seien. Dazu bewogen habe "die Diskussion über das schädliche Plastik". Das Angebot, eigene Behälter füllen zu lassen, werde aber "leider fast überhaupt nicht angenommen". Beworben wird es allerdings auch nur auf der Simmel-Homepage, an der Theke gibt es keinen Hinweis.

Auch die Handelskette Rewe - im Erzgebirge mit fünf Märkten vertreten - wirbt mit Maßnahmen zur Müllvermeidung. Die Abschaffung von Plastik-Einkaufstüten etwa und die Einführung eines Mehrweg-Netzes fürs Obst. Und wie sieht es mit der mitgebrachten Tupperdose aus? Warme Speisen gibt es in seinem Markt nicht, aber Wurst und Fleisch lege man gern ins mitgebrachte Gefäß, sagt Robby Heggenstaller vom Thalheimer Rewe. Vorausgesetzt, es sei sauber. Und: Es muss auf der Theke stehen bleiben.


Warum ausgerechnet Biogurken häufig eingeschweißt sind

Am Rande der Recherche tauchte auch die Frage auf, warum in Einkaufsmärkten oft ausgerechnet die Bio-Gurken eingeschweißt sind. Der Versuch einer Antwort:

Fakt ist, dass die Verbraucher Bio-Gemüse eindeutig von konventioneller Ware unterscheiden können müssen. Dabei hilft die Verpackung. Eine oft formulierte Begründung, warum gerade die Bio-Gurken in Folie eingeschweißt werden: Es sind meist weniger Bio- als herkömmliche Gurken im Angebot, darum wird auf diese Weise weniger Verpackungsmüll produziert.

Zudem stellt die Folie, insbesondere bei langen Lieferwegen, einen Schutz dar, sagt Robby Heggenstaller vom Rewe Thalheim. Rewe habe aber seit Jahresbeginn keine eingeschweißten Bio-Gurken mehr im Angebot. Die Lösung, erklärt Heggenstaller: "Wir verkaufen nur noch Bio-Gurken, die aus der näheren Region kommen." ( vh)


Das sagt der Deutsche Fleischerverband

Auszug aus der Leitlinie zum Verkaufsbereich des Deutschen Fleischerverbandes 2002:

Das Mitbringen von gespülten, optisch reinen Gefäßen und Behältnissen ist aus lebensmittelhygienischer Sicht vertretbar, sofern sie sauber sind, aus Materialien mit leicht zu reinigenden Oberflächen bestehen und darauf geachtet wird, dass die mitgebrachten Gefäße auf dem Thekenaufsatz verbleiben oder auf eine Papierunterlage gestellt werden.

Die Befüllung mitgebrachter Gefäße mit Fertiggerichten kann auch hinter der Theke erfolgen, wenn für die Gefäßübergabe und -befüllung ein gesonderter, dafür vorbehaltener Thekenbereich vorhanden ist.

Die Abgabe von Lebensmitteln in mitgebrachte Gefäße erfordert erhöhte Anforderungen an die Sorgfalt des Verkaufspersonals. Eine Rückentnahme von Lebensmitteln aller Art aus mitgebrachten Behältnissen ist nicht statthaft.

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