Ordnungshüter von Thalheim: Er ist die duzende Autorität

Bürgerpolizisten - jeder hat sie schon einmal gesehen. Doch was fühlen, was denken sie - und was macht ihnen Spaß am Job, was nervt? "Freie Presse" hat sich mit Beamten im Altkreis unterhalten. Heute: Matthias Pecher aus Thalheim.

Thalheim.

Matthias Pecher ist so ein Typ, der gerne duzt. "Ich werde auch gern geduzt", sagt Pecher, der auch so redet, wie andere reden. "Vor ein paar Wochen sind ein paar einfach durch die Botanik gezogen, Kasten Bier dabei. Die haben gefetet, vier Uhr war es schon. Das glaubst du nicht." Oben am Bahnhof war das. Zäune hätten die Halbstarken dann zerstört, eine Baustellenampel in die Zwönitz geschmissen.

Matthias Pecher ist der Bürgerpolizist von Thalheim. Polizeihauptmeister. Die oberste Autorität des Staates in der Drei-Tannen-Stadt. Der Fall mit den randalierenden Jugendlichen wurde schnell aufgeklärt, auch weil Pecher eine Person von der Gruppe sehr gut kennt - inklusive Familie. Die hat ihm alles erzählt. Und bestätigt.


Pecher ist also ein Typ, der gerne duzt, der gerne locker redet - und der genau deshalb eine Stärke mitbringt, die ein Bürgerpolizist haben sollte: Mit den Leuten reden können, auf Augenhöhe, das Ohr am Puls der Bürger haben, den Blick für eine Kleinstadt, in der es nicht immer nur liebe Bürger gibt.

Die Aufklärungsrate liege in Thalheim bei hohen 70,1 Prozent, sagt der 55-jährige Ordnungshüter, der seit 2012 in Thalheim Dienst macht, stolz. Er hat sich extra mal die Zahlen versorgt. "2018 gab es 262 Straftaten, 20 Fälle weniger als 2017." Er habe nicht allein einen Anteil an der guten Aufklärungsquote, auch Streifen- und Kriminaldienst. Schwerpunkte sind: Sachbeschädigung, Vandalismus. "Vor allem von 20- bis 30-Jährigen", so Pecher.

Er sitzt in seinem Büro, als eine ältere Dame ihn aufgeregt um Hilfe bittet. Es geht um Beleidigungen und um Entschuldigungen, unbescholtene Vereinsmitglieder sind betroffen. Er will mit den Streitparteien reden. Er duzt die Frau, die Frau duzt ihn. Thalheim ist klein.

Reden ist wichtig, sagt er wieder. Und deshalb trifft man ihn, wie andere Bürgerpolizisten auch, oft in der Stadt. Zu Fuß. Am Gürtel natürlich Waffe, Handschellen, Reizgas, Munition und seine Arbeitstasche. Spazierengehen? Wichtigtun? Überall einen Schwatz zum Zeitvertreib? "Nein. Aber zu meinen Dienstpflichten gehört: Präsenz zeigen, zuhören, vernetzen, ein Gespür für die Sorgen der Leute bekommen." In der Dienstbeschreibung für Bürgerpolizisten steht unter anderem: Kontaktaufnahme und -pflege sowie Zusammenarbeit - etwa mit Bürgern, Vereinen, Institutionen. Pecher: "Sitzt du im Streifenwagen, erfährst du nix."

Wie etwa beim Fall im altersgerechten Wohnen. Er schnappt auf, dass dort eine ältere Person die anderen acht Bewohner nervt, weil sie Steinchen an die Fenster wirft. Wer es war, wird sich wohl nie ermitteln lassen - im Verdacht stand eine Frau. "Seitdem ich mit allen neun Einzelgespräche geführt hatte, hat es aufgehört. Das ist entscheidend", grinst Pecher.

Sprechen ist nicht gleich sprechen. Da gibt es natürlich den angenehmen Smalltalk über die Ladentheke oder an der Bushaltestelle, aber eben auch Präventivgespräche, dann die Zeugenbefragung vor Ort, wie etwa beim Steinchenfall im altersgerechten Wohnen - oder die Vernehmung auf dem Polizeiposten. "Da sieze ich natürlich die Leute."

Im Büro dieses Polizeipostens, gleich links hinter dem Haupteingang des Thalheimer Rathauses, da hängt ein uraltes Schwarzweiß-Foto an der Pinnwand: Auf der Rathaustreppe steht der Bürgermeister, noch mit geschwungenem Schnauzbart. Daneben neun Polizeibeamte. "All diese Beamten waren damals wohl für Thalheim zuständig."

Pecher ist alleine in Thalheim. Aber das macht ihm nichts, wie er sagt. "Die Kriminalitätsrate in Thalheim sinkt weiter." Und er war auch noch nie in einer so gefährlichen Situation, dass er Hilfe von Bürgern brauchte. "Wenn dies mal nötig ist, würden mir die Thalheimer auch helfen", ist sich Pecher sicher. Früher war er in Lugau, in Oelsnitz. Im kleinen Team. "Auch das war schön. Aber weißt du: Ich wollte immer nur Polizist werden. Und das bin ich nun seit 36 Jahren. Nur das zählt."

Als die Flüchtlingskrise auch nach Thalheim kam, als das Erzgebirgsbad ein Asylunterkunft wurde, da spürte er schon die angespannte Stimmung in der Bevölkerung. Und er ganz allein? Aber dann gab es eine Einwohnerversammlung mit dem Bürgermeister - und mit ihm. "Wie können Sie uns schützen?", fragten einige den Bürgerpolizisten. Seine Antwort: Er sei alleine. Aber wenn Probleme beobachtet würden, dann müsse mit ihm Kontakt aufgenommen werden. Das sei Schützen.

Aber es blieb, so seine Einschätzung, fast immer ruhig in Thalheim. Auch, weil man damals - und später - miteinander geredet hat. Das kann Pecher ja. Am besten per Du.

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