Rückkehr in die Wildnis ist für Krümel und Otto nicht möglich

Langzeitinsassen: Im Tierheim "Waldfrieden" finden Hunde, Katzen, Klein- und sogar Wildtiere ein Domizil, weil sie ausgesetzt wurden oder nicht mehr dort bleiben können, wo sie gelebt haben. Manche finden schnell ein neues Zuhause, manche nicht. Letztere stellen wir vor. Heute sind es zwei Rehe.

Stollberg.

Krümel knabbert mit Hingabe an einem Zweig, der aus dem Schnee lugt. Das Reh schaut kurz zu dem ihm unbekannten Gast auf der anderen Bachseite, dann widmet es sich wieder seinem Stöckchen. Otto ist zunächst nicht zu entdecken, aber dann kommt er aus dem Unterholz einer Baumgruppe hervor. Mit seinen langen Ohren wirkt er im Schattenriss vor dem weißen Schnee fast ein wenig wie ein Eselchen. Ein neugieriges obendrein, denn Otto kommt näher heran, muss sich den Gast genauer anschauen. "Das ist typisch für Otto, er ist sehr neugierig", sagt Tierheimchefin Susann Scheibner. Seit 2013 beziehungsweise 2014 leben die beiden Rehe in der Obhut des Tierheims, der Start ins Leben war bei beiden dramatisch.

Zunächst kam Otto in den "Waldfrieden", das war im August 2013. Spaziergänger hatten das Kitz neben einem Reh mit abgetrenntem Kopf gefunden. Sie riefen im Tierheim an. Wie bei allen Wildtieren notwendig, habe man die Aufnahme des Rehs im Tierheim mit dem zuständigen Jagdpächter abgesprochen, erklärt Scheibner. Liebevoll aufgepäppelt hat das Jungtier die damalige Mitarbeiterin Darja Jattke, sagt sie. "Ich meiner Wohnung mit der Flasche", erklärt Jattke, die damals unter anderem für die Wildtiere zuständig war. Auch Krümel, der etwa ein Jahr später ins Tierheim kam, wurde von ihr daheim großgezogen. "Krümel lag verletzt im Straßengraben", erinnert sich Jattke. Vermutlich ein Autounfall. Von einer Rehmutter war nichts zu entdecken.


Da beide Tiere durch die Handaufzucht sehr menschengeprägt aufwuchsen, ist ein Wieder-Auswildern nicht möglich, erklärt Susann Scheibner. So werden die beiden Rehe wohl auch hier ihren Lebensabend verbringen - wie Rehbock Egon, der elf Jahre lang bis Oktober 2015 im Tierheim Stollberg lebte. Als Egon starb, standen Krümel und Otto bei ihm. Und offenbar haben sie bei Egon auch einiges gelernt - Futter bei den Gänsen klauen beispielsweise. "Wir haben beobachtet, dass sie wie einst Egon zu den Gänsen reingehen und dort naschen", erzählt Scheibner. Seither werden die Gänse bei geschlossener Tür gefüttert. "Und die Rehe stehen am Gitter und machen lange Nasen", sagt Scheibner und lacht. Das Rehfutter bestehe hauptsächlich aus Heu, außerdem bekommen sie Wildkräuterpellets, Möhren und als Leckerchen immer mal einen Apfel. "Kauzwingende Kost" nenne man das, sagt Scheibner. So werden sie gezwungen, mit den Zähnen zu mahlen, das sei wichtig. Darum lieben sie es wohl auch, an Zweigen zu knabbern. "Als im September der Sturm war, lagen ja haufenweise Äste und Zweige rum, da waren sie den ganzen Tag damit beschäftigt." Sturm Fabienne hatte allerdings auch den Zaun des Geheges zerstört. Einen ganzen Tag lang mussten die beiden Vierbeiner eingesperrt werden, während draußen die Motorsägen dröhnten und viele freiwillige Helfer den Zaun dicht machten. Scheibner: "Abends konnten die Tiere wieder raus, wir hätten nicht zu träumen gewagt, dass wir das schaffen." www.tierschutzstollberg.de

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