Sachsenforst beendet Saison der Drückjagden - Kritik aber bleibt

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Im Forstbezirk Chemnitz sind die sogenannten Bewegungsjagden vorerst vorbei. Der Ärger über die Praktiken beim Sachsenforst verraucht deswegen nicht. Dabei macht der Weg des Freistaats gerade Schule - bundesweit.

Stollberg.

Die großflächigen Jagden im Raum Stollberg sind vorerst vorbei. Wie Bernd Ranft, der Leiter des Forstbezirks Chemnitz mitteilt, wurde die Saison der Bewegungsjagden im hiesigen Forstbezirk beendet. "Seit Oktober wurden 20 dieser großflächigen Jagden in den acht Revieren des Forstbezirkes durchgeführt." Dazu gehört auch das Stollberger Revier.

Bei den 20 großen Jagden wurden laut Ranft insgesamt mehr als 500Stück Wild erlegt, vor allem Reh- und Schwarzwild, aber auch Dam- und Muffelwild. "Die Bewegungsjagden sind für uns ein effektives und tierschutzgerechtes Mittel, um Wildbestände angemessen zu regulieren." Das Wild werde durch Hundeeinsatz und Jagdhelfer schonend zum Verlassen seiner Einstände gebracht, so Ranft. Dann könne es durch die strategisch platzierten Jäger tierschutzgerecht erlegt werden. Großflächige, konzentrierte Jagden würden eine permanente Beunruhigung des Wildes vermeiden.

Diese Meinung teilen allerdings nicht alle. An den sogenannten Drückjagden entzünden sich seit Jahren Diskussionen, wie zuletzt in Gelenau. So hatte sich Fritz Werner aus Kemtau an die "Freie Presse" gewandt: "Wildtiere sollen seit Urzeiten im Winter möglichst nicht gestört werden." Jäger Wilfried Pietsch, Chef des Hegerings Greifensteine, ergänzt: "Viele Bürger sind erbost über die Drückjagden des Sachsenforsts im Gelenauer Revier, die jetzt wieder stattgefunden haben." Pietsch wolle nicht, "dass alle Jäger über einen Kamm geschoren werden", erzählt er. Dennoch hat er in seiner Funktion als Hegering-Vorsitzender einen Brief geschrieben, in dem er die Drückjagden im Januar kritisiert. Grund für die Jagden "seien die sogenannten Knospenfresser, die dem Waldumbau Schaden zufügen". Das Wild fahre seinen Kreislauf im Winter herunter, um Energie zu sparen. Nur: Durch die Beunruhigung durch die Jagd suche es umso mehr nach Nahrung. Weiter moniert Pietsch, dass der Sachsenforst zu wenig in Alternativen investiere: "Die jagdlichen Einrichtungen im Staatsforst schießen in jüngster Zeit wie Pilze aus dem Boden. Wildfütterungen, wie die alten Jäger sie kennen, fehlen jedoch." Auch Äsungsflächen, Heckenanpflanzungen und Ruhezonen kämen zu kurz.

Die Kritik ist nicht neu, doch nun fällt sie in eine Zeit von Weichenstellung auf Bundesebene. Die Regierung will das Jagdrecht umfassend novellieren, dazu fand kürzlich die erste Lesung im Bundestag statt. Die Waldverjüngung wird - angesichts gravierender klimawandelbedingter Waldschäden in Deutschland - gesetzlich als großes Ziel ausgegeben. Waldbesitzer und Jäger sollen sich künftig auf einen jährlichen Mindestabschuss von Rehen pro Revier verständigen, ohne feste Obergrenze. Statt dem Einzäunen großer Flächen soll zum Schutz vor Wildverbiss auf eine stärkere Bejagung gesetzt werden, heißt es im Entwurf.

Vieles davon ist im sächsischen Landesrecht längst umgesetzt, sagt Johannes Riedel, der Leiter des Staatsforstbetriebs im Forstbezirk Neudorf. Verbiss sei in erster Linie eine Folge der Wilddichte und nur zweitrangig eine Frage der Beunruhigung. Und Wildfütterungen? Die sind gesetzlich nur bei Gefahr des Verhungerns des Wildes erlaubt. Außerdem verbessere und vergrößere der Bezirk schrittweise den Lebensraum der Tiere, in dem man abhängig von der Wilddichte Zäune abreiße - im Revier Gelenau passierte das im vergangenen Jahr bereits komplett.

Auch die Afrikanische Schweinepest erfordere Handeln, sagt Riedel. Alle Jagdausübungsberechtigten seien behördlich dringend aufgefordert, möglichst viele Wildschweine zu erlegen, um die Ansteckung mit der tödlichen Krankheit, die auch Hausschweinbestände bedroht, zwischen den Tieren zu unterbinden. Im Revier Gelenau wurden bei den drei Jagden im Januar insgesamt 25Rehe und zwei Wildschweine erlegt. "Vorher ist es schwer einzuschätzen, ob sich Schwarzwild im Jagdgebiet aufhalten wird."

Einer, der beide Seiten kennt, ist Kevin Langer. Er ist Mitglied des Hegerings Greifensteine, temporär beim Sachsenforst tätig sowie Pächter eines Jagdreviers - und hat kürzlich selbst an den drei Drückjagden teilgenommen. "Die Förster sind nicht darauf aus, den Rehbestand auf Null zu schießen." In Zeiten des Klimawandels müssen man aber darauf achten, dass die jungen Bäume eine Chance haben. "Und es ist auch keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, im Januar zu jagen."

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.