Schrecken der Nazi-Zeit dringt in die Ohren der Schüler

Ein klassisches Konzert vor Jugendlichen, das ist eine Herausforderung. Wenn aber die Musik, die gespielt wird, eine ist, die fast ausgelöscht worden wäre, entwickeln sich neue Sichtweisen - und spannende Gespräche.

Leukersdorf.

Der Holocaust, die Verbrechen der Nationalsozialisten, ist kein Thema, vor dem das Evangelische Gymnasium in Leukersdorf sich wegduckt. Seit Jahren fahren jeweils die Neuntklässler für eine Woche nach Auschwitz, lassen sich viel Zeit für das Gedenken. Um die Reise mit zu finanzieren, organisieren sie im Vorfeld Kuchenbasare. Ein Engagement, das Michael Hurshell tief beeindruckt. Der Dirigent aus Dresden, Jude und amerikanischer Staatsbürger, war mit der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie am Leukersdorfer Gymnasium zu Gast. Das Ensemble, das Hurshell vor mehr als zehn Jahren gründete, ist seinen Angaben nach das einzige Berufsorchester in Deutschland, das es sich ausschließlich zum Ziel gemacht hat, die Werke von Komponisten jüdischer Herkunft, die in den Jahren 1933 bis 1945 verfolgt, vertrieben oder in den Konzentrationslagern ermordet wurden, zu Gehör zu bringen.

In Leukersdorf lauschten die etwa 80 Schüler in der Tat aufmerksam. Das Streicherensemble spielte Stücke von Miklós Rózsa und Marc Lavry, die zum großen Teil geprägt sind von schmerzlichen Gedanken, Trauer und Verzweiflung. Beide Komponisten studierten in Leipzig, ehe sie in den 1930er-Jahren Nazi-Deutschland verlassen mussten. Entsprechend düster und schwer sind ihre Werke, die sich in die Ohren der Schüler schlichen. Doch dazwischen mischte sich auch eine Art von Zorn und eine Kraft unter dem Motto "Es muss weitergehen".

Torsten Kleditzsch

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Bei den Schülern kam diese Mischung wie das gesamte Konzept gut an. "Klassische Musik ist eigentlich nicht so mein Ding", meinte etwa die 16-jährige Johanna Pampel aus Oberlungwitz. Doch der Schmerz der Nazi-Zeit, ausgedrückt in Tönen, das imponierte der Elftklässlerin. Julia Rödeger aus Chemnitz ergänzte: "Das ist mal eine andere Herangehensweise. Vorträge von Betroffenen, das hat man ja schon öfter mal gehört." Die Mädchen sind sich einig, dass dieses Thema immer einen Platz an der Schule haben sollte. "Das kann nie genug sein", meinte Johanna Pampel. Die 16-jährige Magdalena Küttner aus Pfaffenhain erinnerte sich bei dem Konzert wieder an die Auschwitz-Reise vor zwei Jahren. "Das war sehr bewegend, auch wenn wir die ganzen Informationen dort gar nicht sofort erfassen konnten. Sehr ergreifend war das Treffen mit einer Zeitzeugin. Sie hat uns sogar ihre Nummer auf dem Arm gezeigt." Dennis Lischo, der Leiter des Gymnasiums, begrüßte den Auftritt ebenfalls: "Unserer Schule ist das Gedenken sehr wichtig. Es geht nicht darum, die Kinder zu erziehen, dass sie sich schuldig fühlen. Dafür ist es zu lange her. Aber eine ordentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wird immer wichtig bleiben."

Viel Zeit bei der sogenannten Schülergesprächskonzertreihe, die das Orchester seit 2016 an Schulen in ganz Sachsen führt, wird für Fragen der Schüler eingeräumt. Dabei erfuhren die Acht- bis Elftklässler unter anderem, wie Michael Hurshell, der an der Dresdner Musikhochschule lehrt, an die Noten für die Stücke der Musiker kommt, die daneben an verschiedenen Ensembles wie etwa der Dresdner Philharmonie wirken. "Es ist immer eine Suche." Nicht selten hat er dafür Nachkommen der Komponisten getroffen, da es nicht allzu viele Verlage gibt, die sich der Werke angenommen haben. Das sei zwar immer wieder sehr emotional, nicht so bewegend jedoch wie vor Überlebenden des Holocaust zu spielen, wie das etwa bei Konzertreisen nach Israel, Breslau und Straßburg der Fall war. Michael Hurshell: "Sie konnten sich teilweise noch an die Stücke erinnern und sagten anschließend unter Tränen zu uns: 'Dass wir das noch einmal hören durften.'"

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