Schüler findet heraus: Exponat stammt von Kriegsgefangenem

Bis zum 24. April 2020 ist das Bergbaumuseum Oelsnitz wegen Umbaus geschlossen. Einige Exponate der künftigen Dauerausstellung stellt "Freie Presse" als "Objekt des Monats" vor. Aktuell ist es ein Vogel aus Holz.

Oelsnitz.

Ein Vogel aus Holz ist das Objekt des Monats Juni. Die Recherchen dazu hat diesmal nicht Museumsmitarbeiterin Deborah Weise gemacht, sondern der Achtklässler Marc Walter. Der Oelsnitzer war im Mai eine Woche als Praktikant im Bergbaumuseum Oelsnitz aktiv. Für sein Schülerpraktikum hatte er sich für das Bergbaumuseum entschieden, um einmal hinter die Kulissen zu schauen und zu sehen, was im Museum passiert, wenn die Pforten geschlossen sind, erklärt Deborah Weise. So habe der Achtklässler unter anderem die Verwaltungsabteilung beim Sortieren und Archivieren von Unterlagen unterstützt, die Mitarbeiter der Haustechnik bei ihren täglich anfallenden Aufgaben auf dem gesamten Museumsgelände begleitet und schließlich von Museumspädagogin Jenny Johne die Aufgabe bekommen, das Objekt des Monats Juni zu bearbeiten.

Zunächst habe Marc das Inventarbuch, eines der wichtigsten Nachweisdokumente einer Sammlung, unter die Lupe genommen, erklärt Weise. Darin kann man beispielsweise Informationen dazu finden, wie und wann ein Objekt ins Museum gelangte. Das ausgewählte Stück gehört zum Sammlungsbereich Volkskunst und Kunsthandwerk und kam 2015 durch den Sohn eines ehemaligen Bergmanns in die Sammlung. Das recht filigrane kleine Kunstwerk mutet mit seiner bunten Bemalung beinahe etwas indianisch an. Jedoch ist der eigentliche Hintergrund ein ganz anderer, wie Marc herausfand und in seinen Aufzeichnungen vermerkte: "Es handelt sich um einen gebastelten Vogel eines sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem 2. Weltkrieg."


Der Vogel ist mindestens 74 Jahre alt und ist 185 mal 140 mal 55 Millimeter groß. Er besteht ausschließlich aus Holz und hat einen eher gelblichen Körper. Die Flügel bestehen aus vielen pfeilähnlichen kleinen Teilen. Er besitzt einen roten Schnabel und rote Augen. "Vor längerer Zeit" wurde er mit Wasserfarbe neu angemalt, da die ursprünglichen Farben viel matter waren. Dafür wurden vermutlich Pflanzensäfte genutzt, hat Marc Walter herausgefunden.

Das Objekt und weitere ähnliche Stücke der Sammlung wurden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges hier im Lugau-Oelsnitzer Revier von Osteuropäischen, meist sowjetischen, Zwangsarbeitern gefertigt, erklärt Museumsmitarbeiterin Deborah Weise. Für sie war es die Möglichkeit, durch Tausch etwas mehr Essen zu bekommen. Manche Zwangsarbeiter verschenkten kleine Kunstwerke wie dieses, um sich zu bedanken, wenn sie von Menschen aus der Bevölkerung Hilfe oder Unterstützung erhalten hatten.

Eine wichtige Informationsquelle zum Thema war für Marc die Lugauerin Hannelore Daninger. Sie begann bereits in den 1980er-Jahren zur Thematik der Zwangsarbeiter in hiesigen Bergwerken zu forschen und verweist immer wieder auf die Gefahr, in welcher sich diejenigen befanden, die Menschen, wie dem Schöpfer des Objekts des Monats, halfen. Selbst den Bergleuten, die untertage mit den ausländischen Kumpel zusammen arbeiteten, war es verboten, mit diesen zu sprechen. Nicht nur diese harten Regelungen lassen vermuten, dass die Zwangsarbeiter hier unter sehr schlechten Bedingungen litten. Die harte Arbeit, zu wenig Nahrung und teilweise unzumutbare Unterbringungen führten dazu, dass "viele unter typischen Erkrankungen wie beispielsweise Tuberkulose, Magen- und Darmkrankheiten, Zahnerkrankungen, Erkältungskrankheiten, Furunkulose, Hungertyphus und Unterernährung litten", wie Marc schrieb.

Somit entpuppte sich das Objekt des Monats Juni als ein vielschichtiges und äußerst interessantes Exponat für den Museumspraktikanten. Weise: "In der künftigen Dauerausstellung des Bergbaumuseums wird das Thema der Zwangsarbeiter im sächsischen Steinkohlenbergbau in den Bereich 2. Weltkrieg eingebettet und das Objekt dort zu sehen sein."

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