Sehen ersetzt das Hören - oder umgekehrt

Alle sollen am Leben teilhaben können - das ist das Credo einer Veranstaltung, die im Bergbaumuseum stattgefunden hat. Nicht nur um echte Barrieren ist es dabei gegangen - auch um jene im Kopf.

Oelsnitz.

Mucksmäuschenstill ist es im Speisesaal des Bergbaumuseums Oelsnitz. Etwa 40 Kinder blicken gebannt nach vorn und verrenken sich mehr oder weniger die Finger. Sie machen nach, was Anke Arold ihnen zeigt. Arold ist Dozentin für Gebärdensprache in der Landesdolmetscherzentrale Zwickau und von Geburt an taub. Sie erklärt den Mädchen und Jungen ihre Kommunikation - die ohne Hören und Sprechen auskommt. Mit ihr im Sichtkontakt sitzt Gebärdensprachdolmetscherin Andra Heinz, die für die Kinder übersetzt, was Arold ihnen zeigt. Die Kinder sind mit Feuereifer dabei, versuchen sich selbst in der Gebärdensprache, stellen Fragen. Und genau das soll diese Veranstaltung erreichen: Barrieren abbauen zwischen Menschen ohne und mit Behinderung.

"Barrieren weg!" ist eine Veranstaltung, die den Museumsmitarbeitern "richtig am Herzen liegt", sagt Museumspädagogin Marion Dittmann. Es ist auch nicht die erste dieser Art, aber doch wieder etwas anders gestaltet als beispielsweise die Ferienveranstaltung "Barrierefrei - Miteinander, Zueinander" im Vorjahr. Diesmal steht die Gebärdensprache im Mittelpunkt, aber es gibt an diesem Vormittag auch ein zweites Angebot: Die Oelsnitzerin Karin Junghanns ist mit ihrem Blindenführhund Luna gekommen, um ebenfalls Fragen der Kinder zu beantworten. Denn die 61-Jährige kann genau das nicht, worauf die taube Anke Arold so sehr angewiesen ist: Sehen.


Blind zu sein, das probieren auch Till und Jérome vom Oelsnitzer Hort "Pfiffilino" aus. Marion Dittmann hat ihnen die Augen verbunden und nun versuchen sie, sich tastend durch den Vorraum zu bewegen. Schließlich kommen die Jungen - immer noch mit verbundenen Augen - mit Karin Junghanns ins Gespräch. Sie erklärt ihnen, wie wichtig das Hören für sie ist und wie ihr der Hund hilft, draußen zurechtzukommen. Auf ihre Frage, ob sie schon immer blind war, erfahren sie, dass Junghanns etwa als Achtjährige plötzlich schlechte Leistungen in Mathe hatte, weil sie die Aufgaben nicht mehr richtig lesen konnte. Ihre Sehnerven waren geschrumpft, heute sieht sie fast nichts mehr. Till hat sich hingehockt und streichelt Luna, plötzlich greift er ins Leere. "Wo ist der Hund?", fragt er irritiert. Karin Junghanns kann den Vierbeiner zwar auch nicht sehen, hat dessen Ortswechsel aber am Leinenzug bemerkt.

Im Speisesaal haben die Kinder inzwischen das sogenannte Fingeralphabet gelernt. Sie wissen jetzt auch, wie wichtig die Mimik für taube Menschen ist und dass die Gebärdensprache nicht nur aus Bewegungen der Hände und Finger besteht, sondern auch das sogenannte Mundbild dazugehört. Und sie stellen viele Fragen an Anke Arold. So will Jule wissen, wie die taube Frau bei Urlaubsfahrten zurecht kommt, und Lukas fragt, wie sie eigentlich Lesen gelernt hat. Die beiden gehören zu einer Gruppe, die vom Zeltlager des SV Blau-Weiß Gersdorf gekommen ist. "Das war eine kurzfristige Entscheidung", sagt Betreuerin Andrea Enke, "weil das Wetter nicht nach Schwimmen aussah". Offenbar ein guter Entschluss - ihre Schützlinge sind voll bei der Sache. Wie auch der achtjährige Gideon aus Niederwürschnitz, der mit Bruder Thaddeus (5) gekommen ist. Er sei öfter mit den Enkeln im Bergbaumuseum, sagt ihr Opa Bernhard Klein. Von dieser Veranstaltung hat er aus der "Freien Presse" erfahren, er findet das Anliegen toll. Und auch Karin Junghanns ist begeistert. "Damit sollte bereits im Kindergartenalter angefangen werden", findet sie.

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