Sprengstoff im Rucksack kostet 1500 Euro

Eine zerstörte Tür, ein abgebrannter Container, illegale Böller - das wurde einem Erzgebirger am Landgericht vorgeworfen.

Erzgebirge.

Vor der Kneipe ist für einen Augenblick die Hölle los. Es ist 2017, das neue Jahr hat gerade erst begonnen, überall in der Stadt tobt Silvester-Feuerwerk. Die Kneipe ist zu, aber der Besitzer da, sein Blick fällt nach draußen. Dort, auf der Straße, sieht er Menschen vorbeihuschen, einen davon glaubt er zu kennen. Sekunden später gibt es einen dumpfen Knall. Der Gastronom, so erzählt er es selbst, eilt nach draußen, durch eine stark beschädigte Kneipentür. Auf dem Pflaster und an der Hauswand klebt heißer Bauschaum. Am frühen Morgen fasst die Polizei einen 47-Jährigen, in seinem Rucksack finden sie Böller. Keine Knallfrösche, sondern härtere Ware aus Polen und Tschechien.

Gestern musste sich dieser Mann vor dem Chemnitzer Landgericht verantworten. Ein Berufungsprozess. Anfang Februar hatte ihn das Amtsgericht Aue zu einer Geldstrafe in Höhe von 5500 Euro verurteilt. Er soll in der Neujahrsnacht eine Bauschaumflasche vor der Kneipe in die Luft gejagt haben. Zudem, so der Vorwurf, habe er Feuerwerkskörper in einen Altkleidercontainer geworfen, der daraufhin abbrannte. Im Rucksack trug er sechs Kugelbomben, fünf Böller des Typs FP 3 und 17 Feuerwerkskörper der Marke "Dum Bum." Wer in Deutschland Feuerwerk dieser Art zünden will, braucht eine Genehmigung. Dem Angeklagten fehlte die Erlaubnis.

Und da sitzt er nun im Saal des Landgerichts - Glatze, roter Kopf, weit aufgerissene Augen - und reibt sicht mit der Hand den Nacken. Zunächst will er sich nicht äußern. Stattdessen lässt er seine Anwältin erklären, warum er sich gegen die Vorwürfe wehrt. Dem Angeklagten sei nicht klar gewesen, dass es sich bei den Feuerwerkskörpern um illegale Ware handelte. Er habe sie in der Schweiz gekauft. "Das fällt mir schwer zu glauben", sagt die Richterin. "Man muss kein Jurist sein, um das zu wissen." Dies ist allerdings der einzige Punkt, den sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Richterin am Ende als erwiesen ansehen. Bei den anderen Vorwürfen überwiegen die Zweifel.

Keiner der Zeugen kann den Mann eindeutig als Täter identifizieren. Ein Ehepaar berichtet, dass sie am Neujahrsmorgen durch Donnerschläge geweckt wurden. Durchs Fenster erspähten sie zwei Personen, die sich mit Feuerwerk am Kleidercontainer vergingen. Als der Ehemann den Tätern vom Fenster aus zurief, dass sie verschwinden sollen, sei er angepöbelt worden. "Dann haben sie erst richtig angefangen". Dabei hätten sich die Täter auf das Haus des Ehepaars zubewegt. Für die Zeugen war die Situation so beängstigend, dass sie die Polizei alarmierten. Schließlich verließen die Täter das Blickfeld des Ehepaars.

Ob einer der Täter der Angeklagte ist, können die Zeugen vor dem Landgericht nicht sagen. Es sei dunkel gewesen, und Statur wie auch die Stimme decken sich nicht mit ihren Erinnerungen. Selbst der Kneipenbesitzer, der mit rund 7000 Euro den größten Schaden davon trug, gerät im Zeugenstand ins Schlingern. Zwar will er den Angeklagten vor der Kneipe gesehen haben. Aber nicht beim Zünden der Bauschaumflasche. Seine Tür ist bis heute nur notdürftig repariert.

Nicht weit vom Tatort trafen die Beamten nach dem Notruf zwei Männer, einer davon war der 47-Jährige. Der andere floh. Seine Identität konnte nicht ermittelt werden, obwohl der Angeklagte einen Namen nannte. Der 47-Jährige war laut Polizei betrunken, aber nicht sternhagelvoll. Die Beamten stellten die Beweise sicher und ließen den Mann vorerst wieder laufen.

Wegen der dünnen Beweislage wird das Verfahren vorläufig eingestellt. Allerdings muss der heute 49-jährige Erzgebirger eine Auflage in Höhe von 1500 Euro zahlen.

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