Star-Fotograf der DDR zurück in Chemnitz

Er hat Fidel Castro und Salvador Allende fotografiert, ist mit der Kamera in 40 Ländern unterwegs gewesen. Jetzt präsentiert Thomas Billhardt die Arbeit seiner gesamten Familie und sucht noch Zeitzeugen, die von seiner Mutter fotografiert wurden, deren Studio auf dem Kaßberg der Stadt eingerichtet war.

Chemnitz.

Fotograf wollte Thomas Billhardt nicht werden. Und daran war seine Mutter Maria Schmid Schuld. Sie war Fotografin in Chemnitz. Ihr Sohn sah, wie sie mit roten Augen aus der Dunkelkammer kam, wie sie nachts durchgearbeitet hatte und ihn störte der unangenehme Geruch der Chemikalien. "Der ganze Stress, das war abschreckend für mich", erinnert sich Billhardt heute.

Doch es kam ganz anders und auch daran ist seine Mutter Schuld. Denn aus dem Jungen wurde ein Star-Fotograf der DDR, der Fidel Castro, Che Guevara, Salvador Allende und Augusto Pinochet fotografierte und dessen Bilder aus dem Vietnamkrieg weltberühmt wurden. Sein Weg entschied sich in dem Moment, als er "wegen nicht genug gesellschaftlicher Tätigkeiten" nicht die Oberschule besuchen durfte. "Also sagte meine Mutter, dass ich Fotograf werden muss", so der 81-Jährige. Da sie ihn nicht ausbilden konnte, erhielt er Privatstunden bei einem Berufsschullehrer, unter anderem in Kunstgeschichte und Malunterricht. Mit dem Wissen schaffte er es an die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und wurde freier Fotograf. Seine Arbeit führte ihn in über 40 Länder. Nach der Wende arbeitete er unter anderem für Unicef und fotografierte Kinder in den Elendsvierteln dieser Welt.


Am 16. August soll sich für Billhardt - der im brandenburgischen Kleinmachnow lebt - ein lang gehegter Wunsch erfüllen. Denn an diesem Tag wird im Industriemuseum eine Ausstellung eröffnet, in der sich alles um ihn und seine Familie dreht. "Fokussiert. Die Fotografenfamilie Billhardt." wird sie heißen und bis 2. Dezember zu sehen sein. Sie präsentiert das fotografische Werk von Maria Schmid, ihrem Sohn sowie seinen Kindern Steffen, der Mode- und Werbefotograf ist, und Katrin, die sich der Fotografie aus künstlerischer Sicht näherte, jedoch 2017 verstorben ist.

Von Thomas Billhardt werden neben den berühmtesten Fotos auch bisher unveröffentlichte Bilder gezeigt. Natürlich auch Aufnahmen, die er in Karl-Marx-Stadt machte, zum Beispiel vom Pfingsttreffen 1967. Aber auch neue Fotos aus der Stadt will Billhardt zeigen. Er hat sie bei seinen Besuchen in den vergangenen Monaten geschossen, denn er wolle nicht, dass in der Ausstellung Nostalgie entsteht. Es gehe ihm darum, das Leben zu zeigen, nicht die Vergangenheit.

Dass er überhaupt eine moderne Kamera besitzt, ist nicht selbstverständlich. Er habe die digitale Fotografie zunächst verdammt, weil sich damit manipulieren lässt, und 2009 aufgehört, sagt Billhardt. Aber vor rund zwei Jahren kaufte er sich doch wieder eine Kamera. "Es macht riesigen Spaß", stellt er fest. Jetzt sehe er deutlich die Vorteile. "Was habe ich früher geschleppt! Drei Kameras und 300 Filme in der Tasche", erinnert er sich. Und trotzdem habe er viele Bilder nicht machen können, weil die Filme alle waren. Mit Fotos in Chemnitz schließt sich gewissermaßen der Kreis, auch der der Ausstellung. Für diese sucht Billhardt noch Aufnahmen, die seine Mutter gemacht hat. Maria Schmid (1901-1983) hat über fünf Jahrzehnte ein namhaftes Fotoatelier geführt. Alles begann mit einer Waschküche in einem Hinterhof an der Weststraße, die sie zum Foto-Studio einrichtete, berichtet der Sohn. "Sie hat Kinder von der Straße reingeholt und tolle Fotos von ihnen gemacht", sagt er. Zwei Jahre später standen die Autos Schlange vor ihrer Tür.

Dass Maria Schmid Generationen fotografierte und dabei einen gewaltigen Eindruck bei ihren Kunden hinterließ, erlebt ihr Sohn auch heute noch. So zum Beispiel bei einem Zahnarztbesuch in seinem Ort. Die Ärztin war Heike Bochentin. Wie sich im weiteren Gespräch herausstellte, stammt die Familie ihres Mannes Bernhard aus Chemnitz und wurde von Billhardts Mutter fotografiert. "Die Fotos hingen lange bei uns an der Wand", sagt Bernhard Bochentin, der 1963, im Jahr seiner Geburt, in Chemnitz abgelichtet wurde. Der Name Thomas Billhardt sei ihm bekannt gewesen. Nicht aber, dass es eine Beziehung zur Fotografin seiner Kinderbilder gibt. Seine Mutter, Brigitte Schimanowski, wurde in Chemnitz geboren, lebt heute aber in der Nähe von Kleinmachnow. "Frau Schmid war die beste Fotografin", erinnert sie sich. Ein Besuch im Atelier habe immer lange gedauert und sei eine "ziemliche Traktur" gewesen, weiß die 79-Jährige noch heute. Schmid habe großen Wert auf die passende Kleidung - für den Fall der Fälle hatte sie immer weiße Hemden und Blusen parat -, die Pose und den Gesichtsausdruck gelegt. Auch nach ihrem Wegzug aus Chemnitz 1961 habe Schimanowski Wert darauf gelegt, ihre drei Kinder von Schmid fotografieren zu lassen. Dass sie nun Thomas Billhardt kennengelernt hat, sei ein schöner Zufall.

Für die Ausstellung sucht das Industriemuseum Fotos, die von Maria Schmid aufgenommen wurden, sowie Erinnerungen und Geschichten an und über die Fotografin. Einsendungen sollten bis 6. Juli an chemnitz@ saechsisches-industriemuseum.de oder an Industriemuseum Chemnitz, Zwickauer Straße 119, 09112 Chemnitz, geschickt werden. Die Einsendungen müssen mit Kontaktdaten und einer Einverständniserklärung zur Veröffentlichung in der Ausstellung versehen sein.

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