Stoffwindel-Idee führt zu hohem Begrüßungsgeld

Niederdorf setzt auf seinen Nachwuchs: Nach dem Vorschlag einer Bürgerin erhalten Eltern von Neugeborenen jetzt 250 Euro. Und der Bürgermeister hat Kinder gefragt, was sie sich im Ort wünschen.

Niederdorf.

Niederdorf entwickelt sich mehr und mehr zu einem kinderfreundlichen Ort: Familien erhalten jetzt 250 Euro Begrüßungsgeld, wenn sie ein Baby in die Welt setzen. Verglichen mit den Geschenken, die in anderen Orten üblich sind, ist das eine ungewöhnlich hohe Summe. Die Räte haben sich in der jüngsten Sitzung dafür entschieden. Mehr noch: Mit einer Umfrage wurde zuletzt ermittelt, was sich Kinder und Jugendliche wünschen.

Das Begrüßungsgeld geht auf den Vorschlag einer Einwohnerin zurück. Franziska Müller, die auf der Nachrückerliste der Fraktion Niederdorfer Bürger steht, wollte Eltern unterstützen, die aus ökologischen Gründen Naturwindeln statt Wegwerfwindeln benutzen. Bis zu 5000 Wegwerfwindeln landen demnach im Abfall, ehe ein Kind trocken wird. Zirka eine Tonne Müll. Ein Begrüßungsgeld mit Zweckbindung könnte helfen, diese Verschwendung zu vermeiden, argumentierte Müller. Nachdem sie die Idee Bürgermeister Stephan Weinrich unterbreitet hatte, wurde darüber in den Fraktionen der CDU und der "Zukunft Niederdorf" diskutiert. Daraus ging ein Antrag für die Ratssitzung hervor - zur Verwunderung der Fraktion Niederdorfer Bürger.

Denn anders als Franziska Müller vorgeschlagen hatte, sah der Beschluss vor, dass die Auszahlung des Geldes nicht an Bedingungen geknüpft wird. Stattdessen sollen alle Familien 250 Euro für ihr Neugeborenes bekommen - egal, ob sie Stoff- oder Einwegwindeln verwenden. Die Fraktionen begründeten dies mit "dem grundsätzlich zu vermutenden Verantwortungsbewusstsein des Elternpaares, das Geld im Sinne des Kindeswohls einzusetzen." Weinrich verteidigte den Antrag: "Es steht doch auf der Tagesordnung. Und jede Fraktion hat das Recht, einen Beschlussvorschlag in den Rat einzubringen".

Eine Rückkehr der Stoffwindeln in Niederdorf, die früher gang und gäbe waren, hätte nicht zuletzt die Kita Wirbelwind vor Probleme gestellt. Die Hygiene wäre eine Hausforderung, sagt Anja Hähnlein, die Leiterin der Einrichtung. In den vergangenen Jahren sei in der Kita nur ein Kind mit Stoffwindeln betreut worden. Die schmutzige Windel musste den Eltern am Nachmittag in einem Beutel übergeben werden. Säubern könne man Windeln in der Kita nicht, erst recht nicht von mehreren Kindern. Dazu wären Spezialwaschmaschinen nötig. Hähnlein kennt keine Kita, die so ein System praktiziert.

Dass 250 Euro vergleichsweise viel sind, ist dem Bürgermeister bewusst "Das gab es so noch nicht in Niederdorf", sagt Weinrich. "Aber wir sind eine kleine Gemeinde mit überschaubaren Geburtenzahlen." Bezogen auf das vergangene Jahrzehnt wurden im Durchschnitt jährlich elf Kinder geboren. Das Begrüßungsgeld sei allerdings kein Versuch, den Zuzug in den Ort zu erhöhen, sondern eine "symbolische Geste". Bislang hatten Eltern einen Gutschein beim Babytreffen erhalten.

Die Umfrage unter den Kindern hat Weinrich organisiert. Er schrieb Niederdorfer im Alter zwischen 8 und 15 Jahren an und schickte ihnen einen Fragebogen. Weinrich wollte wissen, wo sie ihre Zeit verbringen und welche Freizeitangebote sie sich wünschen. Dabei habe sich herausgestellt, dass der Spielplatz sehr beliebt ist. Die Anlage neben der Kita soll in den nächsten Jahren umgebaut werden. Etliche Kinder sprachen sich für einen Skatepark und eine Kletterwand aus. Bei der Auswertung dämpfte Weinrich die Erwartungen, versprach aber, die Ideen der Kinder beim Umbau einzubeziehen. (mit joe)


So läuft's in anderen Orten

In Thalheim gibt es einen Strampelanzug mit Stadtwappen und Spruch: "Ich komme aus Thalheim/Erzgeb."

In Jahnsdorf erhalten Eltern eine Begrüßungsgeschenk mit Anschreiben, eine Strumpfhose und Bargeld. Wie viel, wollte Bürgermeister Albrecht Spindler nicht sagen.

Zwönitzer Eltern von Neugeborenen erhalten ein Paket mit Gutscheinen, Socken von Zwönitzer Strickfrauen, einen Schnuller mit dem Aufdruck "Zwäntzer Blägguschn-Steppsl", Infoblätter und eine Willkommenskarte.

In Burkhardtsdorf gibt es einen Babybrief und eine Kinder-CD zur Geburt. Für Zwillinge eine Doppel-CD oder zwei verschiedene Kinder-CDs.

Die Stadt Oelsnitz verschenkt ein "Babywillkommenspaket" im Wert von 60 Euro. Darin enthalten ist ein Oelsnitzer Citypass mit einer Aufladung von 40 Euro und ein hochwertiges Plüschtier. (pc)

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1Kommentare
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  • 4
    2
    Distelblüte
    10.10.2019

    Die Liste "Niederdorfer Bürger", aus dessen Reiher diese Idee stammt, ist politischer Arm der "Heimattreue Niederdorf", dessen rechtsextremer Vorsitzender Thomas Witte auch in den Gemeinderat gewählt wurde.
    Neugeborene Kinder und deren Eltern mit einem Geschenk zu begrüßen - das gibt es vielen Dörfern und Städten, wie am Ende des Artikels beschrieben. Dies in rein finazieller Form zu tun erinnert mich unangenehm an die Bestrebungen gewisser Parteien, (deutsche) Mütter zu mehr Kindern zu animieren, damit die Nation nicht ausstirbt, wie manche befürchten.
    Außerdem: Stoffwindeln sind nicht zwangsläufig die ökologische Alternative zu Wegwerfwindeln. Mein erstes Kind kam noch zu DDR-Zeiten zur Welt, und ich erinnere mich sehr gut an den Aufwand, die vollen Windeln erst in einem Eimer auszuspülen, dann einzuweichen und später im Kochwaschgang zu waschen. Verschmutzte Strampler und Jüpchen kamen noch hinzu.
    Ich kann mich erinnern, dass es noch vor einigen Jahren in Niederdorf üblich war, den frischgebackenen Eltern zur Geburt ihres Kindes mit einem Kinderbuch eine Freude zu machen. Das waren wohl modernere Zeiten.



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