Stollberger Jugendtreff-Chefin: "Den Kindern fehlen in erster Linie ihre Freunde"

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Samantha Uhlig und Sarah Schimke vom Jugendtreff am Kulturbahnhof Stollberg über Familien im Lockdown

Jugendarbeit in Corona-Zeiten ist ein hartes Brot. Der offene Jugendtreff "Am Kulturbahnhof" in Stollberg ist wie so vieles aktuell geschlossen. Hinzu kommt, dass Leiterin Samantha Uhlig und Werksstudentin Sarah Schimke erst seit gut einem Jahr hier tätig sind. Über die Herausforderungen und die Belastungen in den Stollberger Familien sprach Redakteurin Kathrin Neumann mit den beiden.

Freie Presse: "Frau Uhlig, Frau Schimke, haben Sie derzeit zu all Ihren Schützlingen Kontakt?"

Samantha Uhlig: Leider nein. Wir haben sporadisch mit einigen Jugendlichen Kontakt über die sozialen Medien. Und wenn man in Stollberg unterwegs ist, trifft man auch mal den ein oder anderen. Wir gehen auch zu den bekannten Treffpunkten und sprechen die Kinder und Jugendlichen an. Aber es reicht natürlich nicht, um den Kontakt wie in normalen Zeiten aufrecht zu erhalten.

Bereitet Ihnen das Sorge?

Uhlig: Natürlich. Da wir beide erst vergangenes Jahr angefangen haben - ich zwei Wochen vor dem ersten Lockdown und Frau Schimke im August -, haben wir noch nicht so den engen Draht. Und wenn ich jetzt einem Kind schreibe und frage 'Wie geht es dir' antwortet es mir höchstwahrscheinlich anders, als wenn es hier bei uns im Jugendtreff neben mir auf dem Sofa sitzen würde.

Wie geht es den Kindern denn aktuell, was ist Ihr Eindruck?

Uhlig: Pauschal ist das natürlich schwer zu sagen. Allgemein sehen wir aber, dass ihnen in erster Linie die Freunde fehlen. Eine Umarmung mit einem Menschen, der nicht zur Familie gehört. Wertschätzung. Da die Freunde fehlen, an denen man sich mal reiben kann, geraten manche auch mehr mit ihren Geschwistern und anderen Familienmitgliedern aneinander.

Was fehlt Kindern konkret?

Uhlig: Die Bewegung in einem freien Raum. Bei uns im Jugendtreff können sie Kind sein, ihre Freunde treffen. Das ist etwas anderes als Zuhause. Die sozialen Kontakte und das gemeinsame Interagieren, das vermissen die Kinder sehr. Auch sind viele Freizeitaktivitäten weggebrochen, wie zum Beispiel der Vereinssport.

Was macht das mit den Kindern?

Uhlig: Wahrscheinlich ähnliches, was es mit uns Erwachsenen macht. Nur Kinder artikulieren es nicht so. Schimke: Es passiert viel in den Kindern drin. Wie die Kinder sich vielleicht verändert haben, womöglich ein anderes Verhalten zeigen, das werden wir wohl erst merken, wenn der Lockdown vorbei ist. Uhlig: Ein Beispiel: Kinder, die vorher schon Probleme hatten, sich in einem sozialen Gefüge zu integrieren, fangen nach dem Lockdown bei Null an. In ihrer Familie, in diesem geschützten Raum, verhalten sie sich ganz anders als unter Gleichaltrigen. Das wird sich zeigen.

Was lassen Sie sich alles einfallen, um Kontakt zu halten?

Uhlig: Von Anfang an waren wir telefonisch erreichbar. Seit dieser Woche bieten wir online von 10 bis 13 Uhr eine Hausaufgabenhilfe an. Da kann sich jeder unkompliziert über Zoom zuschalten und wir helfen, so gut es geht. Es ist ein Versuch. Außerdem stehen wir per Whatsapp mit Kindern in Kontakt. Nur leider sind da Gruppen nicht möglich, aus Gründen des Datenschutzes. Wir probieren viel aus. Vor den Ferien hatten wir einen virtuellen Jugendtreff gestartet, doch da saßen wir alleine. In den Ferien sind ein Kochabend und ein Spieletag dagegen ganz gut angekommen. Wir haben mit dem Verein Groß und Klein Tüten gegen Langeweile gepackt und verteilt, und Eltern können sich in einen Mailverteiler eintragen. Bei Bedarf ist natürlich auch ein Beratungsangebot möglich, aber da müssen die Kinder und Eltern an uns herantreten. Wir sind da derzeit sehr darauf angewiesen, dass die Betroffenen auf uns zukommen.

Wie geht es Eltern im Moment?

Uhlig: Was wir hören, ist, dass die Eltern unendlich belastet sind. Viele stoßen an ihre Grenzen, etwa wenn mehrere Kinder mit unterschiedlichen Schultypen zuhause lernen müssen. Oder Schichtarbeit mit Homeschooling vereinbart werden müssen. Alle Lebensbereiche spielen sich innerhalb der Familie ab. Hinzu kommt, dass nicht überall die technische Ausstattung mit Geräten und W-Lan so ist, dass das online Lernen reibungslos funktioniert.

Ist das ein Grund zur Sorge?

Uhlig: Definitiv. Eltern, die auch im Regelbetrieb hinterher sind was die Schulaufgaben ihrer Kinder betrifft, kommen besser mit dieser Situation klar als Eltern, die das sonst nicht so gewohnt sind oder arbeitsmäßig sehr eingespannt sind. Wenn die Schule wieder läuft, wird sich zeigen, dass die Schere zwischen den Kindern größer wird.

Können sich die Eltern Hilfe holen und bei Überlastung eine Notbetreuung beantragen?

Uhlig: Die Eltern haben jederzeit die Möglichkeit, sich an uns oder andere Soziale Dienste zu wenden und wir können gemeinsam nach Lösungen suchen. Oder sie wenden sich direkt an das Jugendamt.

Gab es in den vergangenen Monaten in Stollberg Fälle, in denen es so gravierend war, dass Notbetreuung angeordnet wurde?

Uhlig: Uns ist dazu kein Fall bekannt.

Was raten Sie Familien in dieser angespannten Zeit?

Uhlig: Nachsicht mit sich selbst. Den Blick nicht zu verlieren, dass sie in erster Linie Familie sind und keine Schule. Die älteren Kinder, denen ihre Freunde fehlen, die helfen sich meist schon gut übers Telefonieren oder sie hängen stundenlang in Video-Chats. Das läuft.

Hören Sie, dass die finanzielle Sorge, die vielleicht manchen Eltern zu schaffen macht, sich auf die Kinder überträgt?

Uhlig: Nein, da haben wir nichts gehört. Das scheinen die meisten Eltern noch gut abschirmen zu können. Das ist ein gutes Zeiten.

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