Thalheimer Bergbau: Basis für Rattengift und Erbschaftspulver

Jahrhundertelang war Arsenik das am häufigsten verwendete Mordgift. In Thalheim wurde der Rohstoff für diese "Königin der Gifte" in so hervorragender Qualität gefunden, dass er sogar einen Namen mit Ortsbezug bekam.

Thalheim.

In den Krimis von Agatha Christie haben Mörder öfter zu Arsenik gegriffen. Bei Joseph Kesselrings Bühnenstück "Arsen und Spitzenhäubchen" steht die tödliche Substanz gar im Titel. Doch nicht nur in der Kunst, auch unter echten Mördern galt Arsenik von der Spätantike bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als das Mittel der Wahl: Die geruch- und geschmacklose Substanz konnte dem Opfer leicht verabreicht werden, denn es genügten Mengen im Milligrammbereich, und die Beschaffung war leicht. Arsenverbindungen konnten in jeder gut sortierten Apotheke als Mittel zur Rattenbekämpfung gekauft werden, ohne dass ein Verdacht aufkam. Daher nennt man es auch scherzhaft Erbschaftspulver.

Dennoch versichert Ulf Jenk: "Arsen wurde definitiv nie als Menschengift produziert, obwohl es gerade durch seine Giftigkeit nutzbar ist." Der Thalheimer muss das wissen, denn er ist vom Fach: Jenk hat in Freiberg Geochemie studiert und mit einer Arbeit über Grubenwasser promoviert. Seit 1994 arbeitet der 51-Jährige im Sanierungsbergbau der Wismut. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit der Historie der Arsenkiesgewinnung in Thalheim. Er war es, der 1994 die Erforschung und Wiedersichtbarmachung des örtlichen Bergbaus initiierte. Als Fachmann ist Jenk vor allem davon begeistert, dass das Thalheimer Arsenkiesvorkommen Eingang ins Vokabular der Chemiker gefunden hat. Zu verdanken ist das zwei international bedeutenden Wissenschaftlern: 1866 hat der Freiberger Mineraloge Professor August Breithaupt den Thalheimer Arsenkies wegen seiner hohen Güte mit dem Namen "Thalheimit" belegt. Und der Freiberger Chemiker Clemens Alexander Winkler, bekannt als Entdecker des Elements Germanium, hat den Thalheimit analysiert. Dabei fand er 44Prozent Arsen. Außerdem Eisen, Schwefel und einen verschwindend kleinen Rest von weniger als einem Prozent Bergart, also sonstiges Gestein. Erstaunlich ist der Zeitpunkt von Namensgebung und Analyse: 1866 war die Hochzeit des Thalheimer Arsenkiesbergbaus längst vorbei. Die Blütezeit dauerte von 1799 bis etwa 1825. Weder Giftmorde, noch ein spürbar erhöhtes Risiko für die hiesigen Bergleute ist dabei belegt.

Letzteres lag vor allem daran, dass der Arsenkies in Thalheim lediglich gefördert, aber nicht verarbeitet wurde. Der Rohstoff wurde auf Pferdewagen zur Gifthütte nach Geyer gekarrt. Zwar wurde um 1822 kurzzeitig die Errichtung eines Pochwerkes zur Zerkleinerung des Gesteins ins Auge gefasst, doch durch den Widerstand der Thalheimer verhindert: "Die waren pfiffig. Sie wussten, dass der Bergbau keine Probleme macht, die Verhüttung aber sehr wohl", sagt Jenk. Denn die Gefährlichkeit hängt vom Zustand des Gesteins ab. Mit Blick auf einen Gesteinsbrocken beruhigt er: "Das können Sie bedenkenlos in die Hand nehmen. Selbst wenn Sie hinterher eine Bemme essen, passiert da nichts." Gefährlich werde es erst, wenn das Gestein zu Mehl zerrieben oder durch Erhitzung in Arsenoxyd umgewandelt wird. Jenk: "Durch das Gift wird jedwede biologisch bedingte Verderblichkeit unterbunden. Früher wurde es deshalb unter anderem als Rattengift, Getreidebeize gegen Mäuse oder als Holzschutzmittel für Schiffe verwendet. Heute hat es nur noch in einigen Bereichen der Metallurgie, Pharmazie und Elektronik eine gewisse Bedeutung." Prinzipiell könnte auch in Thalheim wieder Arsenkies gefördert werden, denn die Vorräte seien nicht erschöpft. Doch der Abbau lohnt sich nicht. Sammler haben dennoch immer wieder Interesse an dem Gestein. "Von uns Mitgliedern im Bergbauverein Thalheim besitzt jeder ein Stück Thalheimit. Aber das ist kein Glitzermineral, wie man es in der "terra mineralia" Freiberg findet. Arsenkies ist als Werkstoff interessant, hat aber keinen Schauwert."

Im Bergwerk Wille Gottes, wo es einst abgebaut wurde, wird man übrigens nicht fündig: "Da sieht man nur verwitterte Reste, die für den Sammler uninteressant sind. Vorkommen, die man herauspickern könnte, befinden sich ausschließlich auf den unteren Sohlen, die aber komplett unter Wasser stehen." Auch für den perfekten Mord taugt Arsen längst nicht mehr. 1832 entwickelte der Chemiker James Marsh ein Verfahren, mit dem sich das Gift im Körper nachweisen lässt. Die Folge: Es gibt kaum noch Arsen-Morde.

Der Bergbauverein Thalheim bietet am 24. September zwischen 14 und 16.30 Uhr Führungen in den Wille-Gottes-Stolln an.

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