Tötung in Raum: Motiv bleibt rätselhaft

Erstmals hat sich der 37-Jährige, der im April dieses Jahres seine Freundin erstochen haben soll, vorsichtig geäußert. So hat er unter anderen vorgeschlagen, der Richterin etwas Wichtiges zu sagen - jedoch nur unter vier Augen. Das hat sie allerdings abgelehnt. Was sagte er noch? Und was sagten die geladenen Zeugen?

Stollberg/Chemnitz.

Da hat er also dort gesessen, auf der Anklagebank: blassgrünes T-Shirt, mit Fußfesseln, matter Blick, umringt von Sicherheitskräften, ihm gegenüber Staatsanwalt, Nebenkläger, Gutachter. "Wie geht es Ihnen heute?", fragte die Vorsitzende Richterin Simone Herberger fast mütterlich.

"Nicht gut", nuschelte der Angeklagte, sehr leise. Dabei blickte er unsicher umher, dann an sich hinunter auf den Fußboden.

"Haben Sie Ihre Medikamente genommen?"

"Ich will nicht mehr in der Klinik sein. Ich will zurück in die Haftanstalt. Ich fühle mich nicht krank."

"Aber Ihre Mutter hat Sie doch in der Klinik besucht. Richtig?"

Pause. Stille im Saal 036 des Landgerichts Chemnitz. Der Mann, der vor mehr als sieben Monaten seine Freundin in dem beschaulichen Stollberger Ortsteil Raum erstochen haben soll, wollte plötzlich nicht mehr weiterreden. Vorerst.

Gestern wurde der Prozess fortgesetzt, der für das Erzgebirge als der aufsehenerregendste des Jahres gelten kann. In den Morgenstunden des 23. April ist seine 27-jährige Freundin im Haus ihrer Eltern getötet worden. Sie wurde gegen 3.30 Uhr in der Wohnung gefunden, in der sie zusammen mit dem Beschuldigten gelebt hatte. Die Frau lag tot auf dem Bauch, in ihrem Rücken steckte ein Küchenmesser. Sofort geriet der 37-jährige Freund in Verdacht. Er war mit dem Auto davon gefahren, bevor die Polizei eintraf. Wenige Stunden danach fassten ihn Streifenbeamte bei Kulmbach.

Heute ist mehr als fraglich, ob der Mann überhaupt schuldfähig ist. "Er leidet laut einem ersten Gutachten unter einen paranoiden Schizophrenie, fühlt sich oft verfolgt von anderen", so sein Anwalt Uwe Lang. Daher sei er derzeit auch im Haftkrankenhaus in Rodewisch.

Der Prozess solle auch zeigen, ob sich die derzeitige Diagnose seines Mandanten bestätigt. "Das Motiv? "Darüber können wir nur spekulieren, solange er selbst nichts sagt. Es kann alles sein. Wollte sich seine Freundin von ihm trennen? War sie für ihn eine Agentin, die mit anderen, die ihn verfolgt haben sollen, unter einer Decke gesteckt hat?", so der Anwalt weiter.

Der Fall selbst scheint klar. Etliche Polizisten machten gestern ihre Aussagen. Die Spurenlage im Wohnhaus sei diese gewesen: Einige Blutspritzer in der Wohnstube, die Handtasche der Frau normal im Nachbarzimmer abgelegt, wenig Blut auch im Bad. Der Täter hatte in jener Nacht nur einmal zugestochen - mit einem Küchenmesser, 22 Zentimeter lang, die Klinge 12,5 Zentimeter. Dabei war die Lunge getroffen worden. Auch Sanitäter sagten aus. Einer musste die langen schwarzen Haare des Opfers zurücklegen, für den Taschenlampentest. "Die Pupillen reagierten aber nicht mehr." Der Notarzt stellte den Tod der jungen Frau, die da im Nachthemdchen auf den Fliesen gelegen hat, noch vor Ort fest.

"Wir waren alle nicht dabei. Die Zeugen waren es auch nicht. Aber Sie, Sie können uns doch vielleicht sagen, was passiert ist. Im Wohnzimmer. Im Bad", fragte schließlich Staatsanwalt Jörn Wunderlich ganz ruhig in Richtung Anklagebank. In der Hoffnung, der Mann in dem blassgrünen T-Shirt redet wieder.

Pause. Wieder Stille.

Dann sprach der Mann tatsächlich: "Das kann ich nur sagen, wenn nur sie dabei ist." Dabei zeigte er auf die Vorsitzende Richterin. Doch die lehnte das Angebot ab. "Sie müssen es hier im Gerichtssaal sagen, was Sie zu sagen haben."

Dann war der Angeklagte für den Rest der Verhandlung wieder still. Vielleicht sagt er ja am 18. Dezember mehr - zum nächsten Verhandlungstag.

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