Überall bröckelt der Putz: Was wird aus dem "Blauen Stern"?

Einst war es in Gersdorf das erste Haus am Platz. Nun ist die letzte Inhaberin des "Blauen Sterns" verstorben. Seitdem steht die Immobilie leer und verkommt zusehends. Die Kommune will die Brache loswerden.

Gersdorf.

Ein kleines Schild im Fenster warnt: Wer hier parkt, wird angezeigt und kostenpflichtig abgeschleppt. Freiwillig parkt vor dem "Blauen Stern" in Gersdorf niemand mehr. Und wenn, dann nur mit Sicherheitsabstand. Großflächig fällt der blaue Putz von der Fassade. Deshalb sperren Bauzäune einen Teil der Freifläche vor dem Gemäuer ab.

Kurz nachdem im Oktober die letzte Besitzerin Ursula Langhans im Alter von nur 65 Jahren verstorben war, brach die Decke im Saal ein und zerstörte ein Außenfenster. Das wurde mit einer Pressspanplatte notdürftig gesichert. Insgesamt bietet das Gebäude einen traurigen Anblick, es verkommt zur Ruine.

In seinen Glanzzeiten war der "Blaue Stern" fast schon ein mondänes Tanzlokal. Edwin Kretzschmar, der Großvater von Ursula Langhans, hatte den "Blauen Stern" 1912 gekauft. Hier vergnügte sich die feine Gesellschaft, erlebte unterhaltsame Revuen. Farbige Engel zierten die Ecken der imposanten Stuckdecke. Wände in Pastelltönen wirkten nobel. Es gab einen prächtigen Bühnenvorhang. Eine 3000-Watt-Lampe sorgte für Licht. Schon 1911 verfügte das Haus über einen Telefonanschluss. Im "Stern" trat Anton Günther auf, auch Rosa Luxemburg sprach im Vereinszimmer zu den Gersdorfern. Es gab Fremdenzimmer mit 23 Betten. Vom prachtvollen Stuck und goldfarbenen Säulen ist nichts mehr zu sehen. Als Ursula Langhans 1953 geboren wurde, zog gerade der Konsum ins Haus ein. Die Decke wurde schwarz übertüncht, Leuchtstofflampen eingebaut, eine Zwischendecke. Statt Parkett gab es Terrazzo. 1975 schloss auch die Gaststätte. Nach der Wende zog ein Möbelgeschäft ein. Ursula Langhans blieb im Haus des Großvaters wohnen, hatte aber nie das Geld, um das Gemäuer sanieren zu lassen.

Für die Kommune ist es nur noch ein Schandfleck, auf den die Verwaltung gern verzichten würde. Ein neuer Besitzer würde um den Abriss nicht herumkommen, sagt Gersdorfs Bürgermeister Erik Seidel (parteilos). "Aber wir können es uns als Kommune nicht leisten, das Haus zu kaufen." Er hofft, dass es am Ende nicht für einen Euro über den Tisch geht und dann ewig vor sich hingammelt. "Selbst für einen Abriss bräuchten wir Fördermittel", sagt Seidel.

Das Gericht hat jetzt erst einmal einen Chemnitzer Nachlasspfleger eingesetzt. Dessen Aufgabe ist es, den Nachlass zu sichern und Erben ausfindig zu machen. Er will allerdings aus datenschutzrechtlichen Gründen im Moment nichts zum aktuellen Stand sagen. Nur soviel: Interessenten für das Haus sind bei ihm gern gesehen.

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