Und sein Leben ging einfach weiter

30 Jahre Mauerfall Wer in Siegfried Schulzes Leben den Mauerfall als einschneidendes Erlebnis sucht, sucht vergebens. 1989 bietet ihm eher die Chance, sein Leben von zwei Seiten zu sehen.

Stollberg.

Der Fall der Mauer, die Wende, der Exodus der DDR - Siegfried Schulze kennt das alles. Doch dann sagt der Mitteldorfer: "Klar, es war eine historische Zäsur. Aber persönlich hat mich die Wende nicht so beeinflusst, wie manch andere." Warum? Nun, er wurde im Haus an der Hauptstraße in Stollbergs Ortsteil Mitteldorf geboren, das war 1948 - und hat immer dort gelebt. Er wurde nach seinem Studium Anfang der 1970er Jahre Lehrer- und ist das bis zu seiner Rente 2009 geblieben. Er war lange Zeit in der CDU - sowohl nach der Wende, aber auch davor.

Kein Bruch im Leben eines DDR-Bürgers, obwohl der eigene Staat untergegangen ist? Schulze sagt nach 30 Jahren Mauerfall: "Diese Brüche habe ich erlebt - aber das Jahr 1989 hat damit wenig zu tun." Das zeigt sich am besten, wenn man ihn auf die CDU anspricht. Während des Studiums für Agrarpädagogik, das war Ende der 1960er Jahre, ist er der Union beigetreten. Die Eltern waren christlich. Gut, die CDU als Blockpartei sei nur ein Feigenblatt einer DDR-Demokratie gewesen. "Aber mich schützte sie auch vor dem Drängen der SED", so Schulze.

Doch wenn schon Blockflöte, so der despektierliche Begriff für alle Blockpartei-Mitglieder, dann wollte Schulze auch Musik machen. Er wurde Lehrer in der Grundschule in Beutha und ging in den Umweltschutz im Kreis Stollberg. War das naiv? "Naja, Gerald Götting, der ewig amtierende DDR-CDU-Chef, sagte ja: Schon Karl Marx sei der größte Umweltschützer gewesen", lacht Schulze. "Aber jeder hat gesehen, dass schon nach zwei Jahren in unseren Wäldern die Nadeln fielen. Wer war naiv?" Die DDR-Führung habe sich geärgert, dass die Natur nicht so reagiert, wie es der Sozialismus gerne gehabt hätte. "Dabei habe ich es ja selbst im Studium gelernt: Braunkohle verfeuern, Schwefeldioxid plus Wasser ergibt schwefelige Säure, also sauren Regen. Ich habe das den Kindern in der Schule beigebracht - in Chemie war das ok, nur in der Wirklichkeit war es tabu."

Dann der März 1972. Die DDR-Volkskammer hatte die Abtreibung legalisiert, für Schulze war dies der Anfang zum endgültigen Bruch mit der Politik. Er trat wieder aus der CDU - um Mitte der 1980er Jahren wieder einzutreten. Da war er schon stellvertretender Schulleiter in Beutha, zuständig für Hort, Arbeitsgemeinschaften, Ferienbetreuung. Der Eintritt in die CDU hätte ihm auch später fast einen Vorteil verschafft. "In jedem Kreis hatten die Blockparteien auch Anrecht, einen Schulleiterposten zu besetzen", so Schulze. So eine Stelle wurde frei, weil ein betagter Direktor - er war von der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands (LDPD) - in Rente ging. Diesmal bedrängten die CDU-Leute ihn. "Der Direktor sollte damals aber nicht nur keine Sitzenbleiber in der Schule haben, sondern auch viele Schüler der Nationalen Volksarmee zuführen." Schulze hätte Schulleiter werden können - aber er wollte nicht. Nicht unter diesen Vorgaben.

Schulleiter wurde er dann mit der Wende in Beutha, zwei, drei Jahre später am Stollberger Gymnasium - auch wieder auf Drängen der CDU. Diesmal waren die Parteifreunde keine Blockflöten, sondern in Regierungsverantwortung im Kreis, im Freistaat, im Bund. Landrat Udo Hertwich, ein Landtags- und ein Bundestagsabgeordneter kamen zu Schulze. "Zuerst leitete ich das Gymnasium nur vier Jahre amtierend. So schnell ging das dann auch nach der Wende nicht immer", so Schulze. Ein wenig klingt das wie eine Parallele zur DDR.

Und die CDU? Aus der ist er dann 2009 wieder ausgetreten. Zuvor gab es die Finanzkrise plus Notverkauf der Sächsischen Landesbank. "Gleichzeitig wollten die Landtagsabgeordneten eine Diätenerhöhung für sich beschließen. Das brachte das Fass zum Überlaufen." Doppelmoral? Sowas gab's auch in DDR.

Heute ist Schulze 71 Jahre, er sagt, er habe ein Leben gehabt. In zwei deutschen Staaten. Würde er wieder in die CDU eintreten? Er verneint. Dieses Kapitel - erlebt in zwei Staatssystemen - sei vorbei. Das Lehrer-Kapitel in zwei Systemen auch. Nur in seinem Haus, das immer sein Zuhause war - ob als Bürger der DDR oder der Bundesrepublik - in seinem Haus will er bleiben.

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