Veranstaltung soll Barrieren überwinden - vor allem im Kopf

Wie ist es, blind zu sein? Wie kommt man mit einem Rollstuhl vorwärts? Spielerisch haben mehr als 60 Kinder das gestern im Oelsnitzer Bergbaumuseum testen können.

Oelsnitz.

"Meine Ohren haben gesehen, dass die Tür zugemacht wurde." Der Satz, den Marion Dittmann da sagt, klingt etwas wirr. Aber die Mädchen und Jungen haben verstanden, was die Museumspädagogin sagen will. Sie nehmen an einer Dunkelführung durchs Bergbaumuseum teil. Das Licht ist aus, dazu die Augen geschlossen, einer läuft nach dem anderen und hält sich am Vordermann fest. Dittmann hatte ihnen zuvor erklärt, dass das Tasten mit Händen und Füßen sowie Hören das Sehen teilweise ersetzen kann. Und so erfassen die Kinder, dass sie mal über Betonfußboden und mal über Schienen laufen, dass an den Wänden senkrechte Metallstützen sind und sie hören eben auch, dass die Tür geschlossen wurde. Warum das Ganze? Das Museumsteam macht für die Kinder erlebbar, wie es ist, wenn ein Sinn nicht funktioniert, wenn man ein Handicap hat. Und es geht auch darum, Hindernisse und Barrieren im Kopf abzubauen. Das Motto der Ferienveranstaltung: "Barrierefrei-Miteinander, Zueinander".

Gut 60 Kinder aus den Horten der International Primary School Stollberg sowie der Grundschule Drebach sind gekommen - und nehmen lebhaft und voller Interesse die verschiedenen Angebote wahr. Für Linus ist die Dunkelführung am Ende das spannendste Erlebnis gewesen, sagt er. Er könne sich nun gut vorstellen, wie es als Blinder ist, erklärt der Zehnjährige. Ob er zurechtkäme, auf der Straße, auf unbekanntem Terrain? Linus schüttelt den Kopf. Da hätte er keine Chance.

Eine wichtige Erkenntnis dieses Vormittags: Menschen mit Behinderung brauchen Hilfe oder Hilfsmittel. Auch die lernen die Kinder kennen, erklärt von Betroffenen, die auf sie angewiesen sind. Gabriele Weck vom Verein Blinder und Sehbehinderter Aue-Schwarzenberg, die stark sehbehindert ist, lässt die Grundschüler beispielsweise auf einer Punktschrift-Schreibmaschine ihre Namen eintippen oder mit verbundenen Augen und Blindenstock durch die Gänge laufen. Und die blinde Birgit Kaiser vom gleichen Verein erklärt den Schülern ihren Laptop. Der ist mit einer Sprachausgabe und einer zusätzlichen Braille-Zeile für das Eintippen in Blindenschrift ausgestattet, sodass sie sich E-Mails vorlesen lassen und selbst welche verschicken kann. "Mein Zugang zur Welt", sagt sie.

Draußen können die Kinder derweil ausprobieren, wie es ist, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Franziska muss sich sichtbar anstrengen, mit dem Rollstuhl eine Wippe zu überwinden. Erst der zweite Versuch klappt - und dabei hat die Elfjährige sogar Erfahrung: Wegen eines Beinbruchs war sie im Vorjahr einige Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen. Und darum weiß sie auch, dass man mit ihm nicht überall hinkommt. Auf die Schultoilette beispielsweise, erzählt sie.

Neben anderen Akteuren ebenfalls an diesem Tag dabei: Helga Dittrich, die Senioren- und Behindertenbeauftragte des Landkreises. Sie hat die Veranstaltung auch eröffnet und sich dabei mehrerer großer Plüschfiguren bedient. Die haben - natürlich - ein Handicap: Hase Liesa ist taub, Schildkröte Eddy hat Probleme beim Lernen, Löwe Leon sitzt im Rollstuhl, Maulwurf Brailli ist blind und Igel Borstl kann nicht sprechen. Die fünf Freunde sind zugleich die Hauptfiguren: eines Kinderbuches des Behindertenverbandes Leipzig "Der kleine Löwe und seine Freunde entdecken Sachsen" und eines Kartenspiels. Beides bekommen die Kinder am Ende geschenkt - in einem Beutel mit der Aufschrift "Vorurteile einfach wegstecken" - vom sächsischen Sozialministerium gesponsert. Die Kinder nehmen aber vor allem Erfahrungen mit nach Hause und wahrscheinlich die eine oder andere Erkenntnis. Für Hortleiter Tom Ihmels hat sich die Fahrt von Drebach nach Oelsnitz am Ende auf jeden Fall gelohnt. "Ich werde die Veranstaltung auf jeden Fall weiterempfehlen", sagt er. Klar ist für ihn auch, dass man im Nachgang noch einmal mit den Kindern über das Erlebte und Gelernte sprechen wird.

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