Vergeben ist keine einfache Sache

"Hoheneck ist nicht mein Lieblingsort." Das sagt Zeitzeugin Sabine Pop und sprach über den Mann, der sie verraten hat.

Stollberg.

CDU-Fraktionschef Christian Hartmann mahnte die Gäste des Johann-Amos-Comenius-Clubs, sich zu vergegenwärtigen, welche Folgen Diktaturen haben. Anlässlich des Jahrestages des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 hatte die Fraktion in die Gedenkstätte Frauenzuchthaus Hoheneck eingeladen. Der Club versteht sich als Gesprächsforum und richtet zwei Mal im Jahr eine Veranstaltung aus. Am Montag berichtete Sabine Pop als Zeitzeugin von ihren Aufenthalten im Kaßberg-Gefängnis und in Hoheneck und wie es dazu gekommen war. Die Resonanz war groß.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Rundgang durch den Zellentrakt bereits abgeschlossen. Für die Besucher mag dieser Ort in Kombination mit den persönlichen Erzählungen der Zeitzeugen eine eindrückliche Erfahrung sein, die vielleicht sogar Beklemmungen auslöst. Für die Frauen, die dort einst weggesperrt waren, ist es immer wieder aufs neue ein schwerer Gang in die eigene Vergangenheit. "Ich komme ungern her. Hoheneck ist nicht mein Lieblingsort", gesteht Sabine Pop gleich zu Beginn des Gesprächs. Sie mag ihre Geschichte ungezählte Male vorgetragen haben, doch es ist offensichtlich, dass ihr das noch immer nicht leicht fällt. Als Gesprächspartner und Stichwortgeber führte der Kulturwissenschaftler Philipp Maurer durch das Gespräch.


Im Laufe des Gespräch sind es weniger aus heutiger Sicht spektakuläre Taten oder erschreckende Details aus dem Haftalltag, mit der Sabine Pop ihre Zuhörer in den Bann zieht, sondern die nüchterne, zeitweise augenzwinkernde Art mit der sie von dem ihr widerfahrenen Schicksal berichtet. Auf die Straße gesprühte Slogans und eine Unachtsamkeit im Umgang haben ihr als Jugendliche 1980 sieben Monate Isolationshaft auf dem Kaßberg und eine Verurteilung zu fünf Jahren Haft in Hoheneck sowie 2000 Mark Geldstrafe eingebracht. "Ich bin im Kaßberg 18 geworden - das sollte man nicht machen, 18 werden im Knast." Ihre Zeit hinter Gittern endete mit dem Freikauf durch die Bundesrepublik. "Da war mir ein bisschen Angst", erinnert sich Pop. Schließlich war mit dem Freikauf auch ein lebenslanges Einreiseverbot in die DDR verbunden. "Plötzlich hieß es 'draußen steht der Bus'. Da bin ich gegangen und war ganz allein." In Hessen hat Sabine Pop ein neues Leben begonnen. "Das alte war mit Hoheneck beendet", sagt sie. Heute lebt sie in Thüringen und hat die Gärtnerei ihrer Eltern übernommen. Sie ist somit in den Ort zurückgekehrt, in dem sie von einem Mitschüler einst verraten worden war. "Ich habe damals gelernt, dass auch nette Menschen IM sein können. Heute fühle ich mich allein gelassen." Sie begegnet dem Mann, der sie einst verraten hat, fast täglich. "Früher haben wir sogar geredet, aber niemals über diese Sache. Heute gehen wir aneinander vorbei." Rachegefühle habe sie niemals gehegt. "Niemand ist unfehlbar." Mit diesen Worten bewies sie eine imponierende persönliche Größe. Trotzdem sitzt der Stachel tief. Vergeben - das sei sicher die Lösung, räumt sie ein. "Aber so einfach ist das nicht."

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    Distelblüte
    19.06.2019

    @Hinterfragt: Wohl kaum.

  • 0
    3
    Hinterfragt
    19.06.2019

    "...Auf die Straße gesprühte Slogans und eine Unachtsamkeit im Umgang ..."
    Passiert Tätern bei den "entsprechenden Slogans" auch heute in der Bundesrepublik ...

  • 2
    1
    Distelblüte
    19.06.2019

    Ein solcher Vertrauensbruch, wie Frau Pop ihn erfahren musste, hinterlässt für immer Spuren. Dass sie dem ehemaligen Verräter beinahe täglich begegnet, ist belastend.
    ich denke, sie hat ihm gegenüber schon sehr viel Großmut gezeigt. Wäre er ein Mann mit Anstand, würde er bei ihr um Entschuldigung bitten. Nicht einfach, aber der einzige Weg.



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