Verwirrende Zeiten und die Lehren daraus

Stollberger Gymnasiasten bekamen die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden präsentiert. Was hat das mit ihnen zu tun?

Stollberg.

Thomas Darchinger spricht leicht gehetzt, wenn er in die Rolle des Sonny Ganor schlüpft. Das hat der Fernsehschauspieler jetzt in der Aula des Carl-von-Bach-Gymnasiums in Stollberg getan. Er nahm die rund 180 Schüler der Klassen 10, 11 und 12 mit in die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte. Er präsentierte das Leben des jungen litauischen Juden Sonny Ganor.

Die beginnt in einem Viehwaggon auf dem Weg ins Außenlager 10 des Konzentrationslagers Dachau. Von da an sind positive Erinnerungen rar. Etwa der Laib Brot, den eine bayerische Landbewohnerin dem Jugendlichen zusteckt. Der Text handelt von Mut und Verantwortungsbewusstsein. Beispielsweise als sich Sonny Ganor im Wald von seiner Brigade entfernt und sich so ein paar unbeschwerte Stunden verschafft. Schließlich kehrt er mit den anderen zurück ins Lager; er möchte ihnen keine Probleme bereiten und nicht zuletzt seinen Vater unterstützen, der der harten Arbeit im Lager nicht gewachsen ist. "Sie quälen die Leute, indem sie sie bei Schwerstarbeit verhungern lassen, und sie machen das auch mit meinem Vater."

Unterstützt wird Darchinger vom Jazz-Musiker Wolfgang Lackerschmid, der mit seinem Spiel die Stimmung des Dargebotenen eindrucksvoll verstärkt. Trotzdem fiel es einigen Schülern schwer, sich auf den Vortrag zu konzentrieren. "Ihr verpasst im Leben nichts, wenn ihr euch jetzt auf die Geschichte einlasst", mahnte Darchinger.

Diese war alles andere als leichte Kost. Sie erzählte sehr explizit von Willkür und Schikane des Lagerlebens, über die Furcht des Jugendlichen vor Erschießungen im Wald oder der Todesangst beim Gang zur Dusche. "Wir kannten die Erzählungen aus Auschwitz von den Gaskammern und Krematorien. Bis dahin hatten wir gedacht, am Boden des Abgrunds angekommen zu sein, doch offenbar gab es noch sehr vieles darunter."

Der Text beschreibt eindrücklich, wie der Kampf um Essen die Gedanken prägten. Es werden Sardinenbüchsen aus den "Regalen der Mörder befreit" oder es klammert sich ein Lagerinsasse an einen Blechnapf voller Suppe, während er von einem Wachturm aus erschossen wird. Von der Suppe verschüttet er nichts.

Darchinger betonte im Nachgespräch, wie beeindruckt er von der Kraft zur Versöhnung bei Sonny Ganor sei. Und das, obwohl der junge Litauer ansehen musste, wie Freunde starben, andere willkürlich wegen eines Buches erschossen wurden oder sich bei der Zwangsarbeit in flüssigem Beton selbst ertränkten. Ganor hat den Todesmarsch nach Dachau überlebt; sein Vater nicht. "Meine Sinne trübten sich ein und daher wusste ich auch nicht, wann Vater zurückblieb. Der Tod besaß keinen Schrecken mehr."

Nachdem Darchinger zu Beginn der Lesung mit einer Vorrede über verwirrende Zeiten eingeführt hatte und dabei vor Politikern mit einfachen Antworten warnte, richtete er zum Ende der Veranstaltung einen Appell an die Schüler: "Demokratie ist kein Geschenk, das wir einfach konsumieren können. Vielfalt ist das großartigste, was wir haben. Darum informiert euch, tretet in den Dialog und hört zu."

Die Veranstaltung wird nun im Unterricht nachbereitet. "Ich bin mir sicher, dass die Informationen bei den Schülern angekommen sind", sagt Geschichtslehrerin Angela Köhler. Bei Niklas Roth aus der Zwölf ist das so: "Ich hatte mit den Vortrag zwar anders vorgestellt. Aber durch die Vortragsweise und die Musik hat er seine Wirkung nicht verpasst. Ich fand es sehr gut."


Kommentar: Gang derNatur

Nun bricht also wirklich die Zeit an, in der Schauspieler vom Holocaust berichten. Es gibt nicht mehr genug Zeitzeugen, die von dem Horror erzählen können, den sie selbst er- und überlebt haben. Umso wichtiger sind Formate wie "Das andere Leben". Denn auch so gelingt eine emotionale Ansprache, die im Idealfall etwas bei Zuhörern auslöst. Sie werden Zeitzeugenberichte bald gänzlich ersetzen müssen. Ein persönlicher Bericht bleibt aber eine intensivere Erfahrung für den Zuhörer.

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