Vom Ortsarzt kam einst der Impuls

Freibäder sind Kleinode. Generationen haben hier ihre ersten Schwimmversuche unternommen, die Seele baumeln lassen.  Und sie sind wie in Gornsdorf eine Fundgrube für Chronisten.

Gornsdorf.

Der Sommer hat es bislang gut gemeint mit den Freibädern der Region. Auch das Freibad Gornsdorf erlebt ein Besucher-Hoch. Vergangenes Wochenende habe man schon die Besucherzahl des Vorjahres geknackt, etwa 16.500 seien es in der 2017er-Saison gewesen - Peter Schmelz ist zufrieden. Seit 1981 ist er Schwimmmeister im Gornsdorfer Freibad. Die Geschichte des Bades indes begann mehr als sechs Jahrzehnte früher.

"Es war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg", erzählt Ortschronist Herbert Uhlig, der die Historie des Bades umfangreich aufgearbeitet hat. Den entscheidenden Impuls für den Bau des Naturbades hatte der Gornsdorfer Ortsarzt Dr. Friedrich Schröpfer gesetzt. "Ihm war sehr gut der Gesundheitszustand der Bevölkerung bekannt nach diesen Kriegs- und Hungerjahren", sagt Herbert Uhlig. Seit 1904 hat Dr. Schröpfer im Ort praktiziert. Er hatte 1920 die Idee, einen Fischteich in ein Naturbad umzuwandeln, dem Gemeinderat vorgestellt, so Herbert Uhlig. Der Mediziner stand dem Wohlfahrtsausschuss der Gemeinde vor. Vier Jahrzehnte war er im Ort als Arzt tätig. Bis heute gibt es übrigens einen "Draht" zu Dr. Schröpfer, erzählt Peter Schmelz. Der Enkel des Arztes, Dietmar Schröpfer, mittlerweile ein Mann in den Siebzigern, einst in Gornsdorf zur Schule gegangen und später als Mediziner in Berlin tätig, habe sich bis heute immer mal wieder nach dem Bad erkundigt. 

Geld erbat man sich damals von Fabriken des Ortes. Sie gewährten Unterstützung beim Bau. Und es wurde zu freiwilliger Arbeit aufgerufen. Viele Gornsdorfer haben mit angepackt, ist es in der Badchronik festgehalten. Auch Arbeitslose, vornehmlich aus der Strumpfindustrie, hätten hier kurzzeitig Arbeit gefunden, erzählt Herbert Uhlig. So schritt auch der Bau rasch voran. Schon im Sommer 1921 war das Bad fertiggestellt, am 14. August folgte die Eröffnungsfeier.

Der 1500 Quadratmeter große Badeteich war damals durch schwimmende Holzbalken in drei Abteilungen getrennt: Einen 2,80 Meter tiefen Bereich mit Sprungturm, einen bis zu 1,40 Meter tiefen Bereich für Erwachsene und ein Becken für Kinder. Von den Gornsdorfern wurde das Freibad mit Begeisterung aufgenommen. Sportliche Betätigung in vielen Facetten wurde fortan groß geschrieben.

Das Naturbad Gornsdorf entwickelte sich rasch zu einer Stätte des Frohsinns, zum Ort vieler Feste und Feiern. Eine Reihe von Dokumenten erinnert heute noch daran: Am Eröffnungstag wurde zur Übergabefeier am Vormittag und zum Eröffnungskonzert am Nachmittag eingeladen. Italienische Nächte fanden statt. Zum Beispiel 1926: "6 Uhr nachmittags: Einzug der Musikapelle, anschließend: Beleuchtung der Anlagen durch elektrische Bestrahlung", ist unter anderem in der damaligen Festordnung zu lesen.   1930 gab es ein "Konzert auf einer Lautsprecheranlage" - mit den neuesten Schallplatten, wie es auf der Ankündigung gedruckt steht. 

"Badfeste waren immer ein Ereignis im Ort und viele Einwohner waren auf den Beinen, um bei der Organisation mitzuhelfen", erinnert sich Herbert Uhlig. Über viele Jahre hinweg waren diese Veranstaltungen eng verknüpft  mit den Betriebsfestspielen des VEB Kontaktbauelemente und Spezialmaschinenbau (KSG)  in Gornsdorf. Die Roten Gitarren, Jeff Harrison, Silly oder die Puhdys waren zum Beispiel in den 1970er- und 1980er-Jahren zu Gast. Aber man hatte auch oft mit schlechtem Wetter bei diesen Festen zu kämpfen, nicht nur zur Feier anlässlich des 90. Badgeburtstages wie die "Freie Presse" damals berichtete. "Mit Glühwein und heißem Kaffee gegen Freibadfluch" lautete die Schlagzeile 2011.

Zu dieser Zeit hatte sich das Bad bereits grundlegend gewandelt. Bis 1936 wurden regelmäßige Umgestaltungen vorgenommen. Weitere Projekte in den Jahren des Zweiten Weltkrieges wurden zurückgestellt. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren ging es  diesbezüglich weiter. Eine grundlegende Umgestaltung folgte Mitte der 1990er-Jahre. Der Sanitär- und Toilettentrakt wurde erneuert - und erinnert im Stil an das Vorgängergebäude, was dem Bad seinen eigenen Charme verleiht. Mittlerweile gibt es auch eine Solaranlage zum Erwärmen des Wassers.

Das  Hochwasser im Juni  2013 hatte der Idylle arg zugesetzt, erinnert sich Peter Schmelz. Alles war damals bereitet, damit die Saison richtig Fahrt aufnehmen kann. Und dann kamen die Schlammmassen, hatten die Anlage überschwemmt.  Doch rasch war die Entscheidung getroffen, das Bad so schnell wie möglich wieder flott zu machen. Viele Gornsdorfer, eine Reihe von Firmen aus dem Ort hätten damals ihre Unterstützung angeboten, bei notwendigen Arbeiten mit Hand anzulegen. Der Schwimmmeister zeigt sich noch heute beeindruckt von dieser Hilfsbereitschaft. 

Nicht mehr lange, dann  wird das  Naturbad 100 Jahre alt. "Ein Festkomitee für das ,Hundertjährige' müsste gegründet werden", regt der 92-jährige Herbert Uhlig an. Ausgeschlossen wird der Gedanke, den 100. zu feiern,  jedenfalls nicht, wie eine Nachfrage von "Freie Presse" bei Bürgermeisterin Andrea Arnold und  Betriebsleiter Marcel Kis - die Gemeinde betreibt das Bad  in Eigenregie - ergab.  Auch  Tino Hanke, Pächter der Gaststätte des Volkshauses und im Sommer fürs leibliche Wohl der Badbesucher zuständig, liegt es am Herzen, dass im Freibad immer mal wieder etwas los ist, wie er sagt. So soll zum Saisonausklang in diesem Jahr am 26. August ab 14 Uhr zur nachmittäglichen Unterhaltung mit dem Duo Kontrast ins Bad eingeladen werden. Und im August 2019 könnte noch eine Nummer größer gefeiert werden: Für diesen Termin ist ein  Open-Air-Konzert mit der Gruppe Wanderer im Freibad Gornsdorf in Planung.


Öffnungszeiten

Das Freibad Gornsdorf, Badstraße, ist heute und morgen in der Zeit 9 bis 20 Uhr, dann montags bis freitags 10 bis 19 Uhr, sonnabends und sonntags 9 bis 19 Uhr geöffnet.

Tageskarte: 3 Euro (ermäßigt 1 bzw. 2 Euro). Abendkarte ab 17 Uhr 1,50 Euro/Kinder 1 Euro.

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