Von der Schürzenfabrik zum Modeimperium

Adler Mode ist heute vielen ein Begriff. Weniger bekannt ist allerdings, dass die Ursprünge des Unternehmens im Erzgebirge liegen, konkret in Annaberg-Buchholz. Der Name Adler spielte schon damals eine wichtige Rolle - als vor 70 Jahren alles begann.

Annaberg-Buchholz.

An der Ecke Straße der Einheit Nummer 2 steht ein Mehrfamilienhaus mit Mietwohnungen. Vielen Annabergern wird das Haus vor allem dadurch bekannt sein, weil dort über Jahrzehnte das Fotoatelier Heß zu finden war. Aber nur die wenigsten werden wissen, dass genau in diesem Haus eines der renommiertesten Modeunternehmen Deutschlands seinen Ursprung hatte - Adler Mode.

Das Haus, damals Bismarckstraße 1, war 1888 von Baumeister Götze für den Bauunternehmer Carl Schubert erbaut worden. Laut Adressbuch von Annaberg aus den Jahren 1937/38 war Clara Brückner zu der Zeit Eigentümerin, als die interessante Geschichte begann. Insgesamt beherbergte es zehn Mietparteien. Eine davon war Albert Adler mit seiner Familie und Firma, einer Wäsche- und Schürzenfabrik.

Wer war dieser Mann? Albert Adler junior wurde 1908 als Sohn eines Textilunternehmers in Lippersdorf geboren, das heute ein Ortsteil von Pockau-Lengefeld ist. 1929 heiratete er Frieda und wurde Vater des Sohnes Wolfgang. Ein Jahr später erblickte Tochter Rosemarie das Licht der Welt. Albert jun. arbeitete im elterlichen Betrieb. 1936 verließ er mit seiner Familie Lippersdorf und gründete in Annaberg im Haus Bismarckstraße 1 seine eigene Wäsche- und Schürzenfabrik.

Dann kam der 2. Weltkrieg, der auch von Familie Adler seinen Tribut forderte. Albert Adler musste an die Front. Deshalb wurde die Firma 1939 geschlossen. Seine Ehefrau arbeitete allein weiter in der Nähstube, um die Familie über Wasser zu halten. Nachdem Albert aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, kehrte er im Spätsommer 1945 nach Annaberg zurück und nahm die Arbeit in seiner Firma wieder auf. 1946 und 1948 wurden zwei weitere Söhne - Fürchtegott und Georg - geboren. Schon drei Jahre nach Kriegsende zeigte Adler sehr viel Mut und gründete im April 1948 ein neues Unternehmen: die Albert Adler KG, einen Konfektionsbetrieb für Kleider und Mäntel.

Diese Geschäftsidee passte genau zu der Situation der damaligen Zeit, wo sich vieles im Aufbruch befand. Schöne Kleider als Farbtupfer in einer tristen Welt sind wohl nichts Anstößiges, könnte man meinen. Aber dem war wohl nicht so. Das Gebaren des Kapitalisten passte so gar nicht zum Bild der aufstrebenden Arbeiter-und Bauernmacht nach sowjetischem Vorbild. Ein paar schlichte Kleiderschürzen für den Haushalt oder die Arbeit in der Produktion hätte man Adler vielleicht noch durchgehen lassen, aber keine Mode nach westlichem Vorbild. Es wird auch gemunkelt, dass Adler von den amerikanischen Alliierten unterstützt wurde. Auf jeden Fall waren Firma und Familie Repressalien ausgesetzt. Das neue System muss Albert Adler so intensiv unter Druck gesetzt haben, dass er mit seiner Familie 1959 in die BRD nach Engen bei Konstanz am Bodensee floh. Wie groß mussten Verzweiflung und Angst der Familie gewesen sein, um die Heimat und das Lebenswerk über Nacht aufzugeben?

Dass die Adlers unbequem waren, zeigt sich auch daran, dass in keinem zugänglichen Archiv der Stadt Annaberg-Buchholz oder Sachsens etwas über die Firma Adler zu finden ist. Es gibt lediglich ein Handelsregister, das 1972 geschlossen wurde, obwohl die Firma seit mehr als zehn Jahren nicht mehr bestand. Diese Schließung war eine rein politische Sanktionierung. Beim Sächsischen Staatsarchiv ist ersichtlich, dass im Zeitfenster von 1970 bis 1975 bei fast allen alteingesessenen, privaten Produktionsfirmen der Region die Register geschlossen wurden. Es ist eine sehr lange Liste. Dabei sind es nur Mutmaßungen, welche Firmen zu dem Zeitpunkt überhaupt noch bestanden, ob die Eigentümer, wie die Familie Adler weggegangen sind oder sich angepasst haben.

Albert Adler gab nicht auf und gründete zusammen mit Sohn Wolfgang in Engen im Jahre 1960 die Adler Mäntel KG. Sie stellten Damenmäntel her, die auf Provisionsbasis verkauft wurden. 1965 erzielte das Unternehmen seine erste Umsatzmillionen und ein Jahr später begann der Export in die Schweiz. 1967 zog die Firma in das unterfränkische Haibach, wo sich noch heute der Geschäftssitz der Adler Modemärkte befindet. Eine eigene Hausdruckerei wurde eingerichtet und 1970 ein Betriebsgebäude erbaut.

Von nun an ging es mit der Konfektion aus dem Hause Adler, die vor allem von Frauen über 50 sehr gut angenommen wurde, sehr steil bergauf. 1971 konnte die Eröffnung des ersten Modemarktes gefeiert werden, dem noch viele folgen sollten, auch in der Schweiz, Luxemburg und Österreich. Die Firma Adler, die zwischenzeitlich auch mit anderen Unternehmen fusionierte, errichtete Produktionsstätten in China, Sri Lanka und Südkorea. Der Mitbegründer des Modegiganten, Wolfgang Adler, verstarb im Jahre 1987. 1998 schieden die letzten Mitglieder der Familie aus der Firma aus.

Die einstige Vision des Sachsen Albert Adler jun., der aus seiner Heimat vertrieben wurde und mit Mut, Liebe zur Mode, Kreativität und vielleicht auch bisschen Glück ein Imperium errichtete, ist in der Seele der zwischenzeitlich börsennotierten Adler Modemärkte AG weiterhin verankert. Derzeit gibt es 180 Modemärkte, davon 153 in Deutschland, 22 in Österreich, drei in Luxemburg und zwei in der Schweiz. Adler hat elf eigene Marken, über die laut Unternehmensangaben rund 70 Prozent seiner Umsätze erzielt werden. Eine eigene Produktion gibt es nicht mehr. Die Ware wird in erster Linie aus Asien bezogen, aber auch in Europa und zu einem kleinen Teil in Afrika hergestellt.

In diesem Jahr feiert Adler Mode seinen 70. Geburtstag. Anfang März fiel der Startschuss für das Firmenjubiläum. Seit acht Jahren ist die TV-Moderatorin Birgit Schrowange Markenbotschafterin des Unternehmens. Und obwohl 1948 alles in Annaberg-Buchholz begann, gibt es heute keine Adler-Filiale in der erzgebirgischen Kreisstadt. Die nächstliegende Adler-Mode-Filiale ist im Neefepark in Chemnitz zu finden.

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