Von der Sehnsucht nach einer heilen Welt

Die ersten Lebensjahre der Thalheimer Künstlerin Marianne Drechsel weisen interessante Parallelen zum Werdegang des Grafikers und Comiczeichners Hannes Hegen auf. Im Gegensatz zum Schöpfer der Digedags ist sie aber nahezu vergessen. Besondere Einblicke werden nun gewährt.

Thalheim.

Die Arbeiten der Thalheimer Künstlerin Marianne Drechsel stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Weihnachtsausstellung im Haus der Heimatkunde in Thalheim. Bei der Recherche sind Klaus Schröpel vom Heimatkundlichen Verein interessante Parallelen zum bekannten Grafiker und Comiczeichner Johannes Eduard Hegenbarth (bekannt als Hannes Hegen) ins Auge gefallen: Marianne Drechsel wurde 1923 in Schönlinde (heute Krásná Lípa, Tschechien) unter dem Namen Marianne Kühnel geboren, Hannes Hegen zwei Jahre später im nur 20 Kilometer entfernten Böhmisch Kamnitz. Kühnel hat ebenso wie Hannes Hegen eine Ausbildung an der "Staatsfachschule für Glasindustrie" in Steinschönau absolviert. Anschließend hat sie von 1942 bis 1944 angewandte Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert. Hegen war dort ab 1943 immatrikuliert.

Hannes Hegen hat danach an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert und ist später als Schöpfer der Digedags, eines ab 1955 im Mosaik erschienenen, unpolitischen und humorvollen Kindercomics, berühmt geworden.

Marianne Kühnel hat 1944 in ihrem Geburtsort den Oberleutnant Alfred Drechsel geheiratet, einen kaufmännischen Angestellten aus Thalheim. Ab 1946 hat die Familie in Thalheim gelebt, Marianne hat zwischen 1946 und 1951 drei Kinder geboren. Trotz dieser familiären Verpflichtungen war sie auch künstlerisch weiter sehr aktiv. Bereits 1946 meldete sie in Thalheim ein Gewerbe als Grafikerin für kunstgewerbliche Arbeiten an. 1948 wurde sie offiziell "als Kulturschaffende (künstlerisch wertvolle Grafikerin und Malerin) voll anerkannt". Sie gestaltete Kinderspiele, Adventskalender und Grußkarten für verschiedene Verlage.

Der Heimatkundliche Verein konzentriert sich in seiner Weihnachtsschau vor allem auf die Kinderspiele. Es werden zehn Spiele gezeigt, die Marianne Drechsels künstlerische Handschrift zeigen. Daneben sind einzelne Adventskalender, aber auch gerahmte Bilder zu sehen. "Ich war überrascht, dass es so viele Spiele sind", bekennt Klaus Schröpel, der sich sicher ist: "Eine solche Ausstellung zu den von Marianne Drechsel gestalteten Spielen gab es noch nie." Dabei haben Schröpel beim Zusammenstellen der Schau vor allem familiäre Kontakte geholfen: "Direkt verwandt sind wir nicht, aber meine Tante ist die Nichte von Marianne Drechsel."

Die meisten Exponate hat er daher von seiner Tante bekommen, einige weitere sind von einer Handvoll Thalheimer beigesteuert worden. Zu sehen sind lehrreiche Brettspiele mit Titeln wie "Fröhliches Pilzesuchen", "Wir sammeln Beeren und Früchte" und "Wir gehen einkaufen". Es gibt Quartett-Kartenspiele zu bekannten Volksliedern und Puzzles. Besonders interessant ist auch ein dreidimensionales Würfelspiel, bei dem sich beim Aufklappen des Spielbretts ein Pfefferkuchenhäuschen aufrichtet.

Die Motive spiegeln durchweg die nach dem Krieg vorherrschende Sehnsucht nach einer heilen Welt wider. Doch auch wenn das aus heutiger Sicht süßlich anmutet, zeigen sich bei Marianne Drechsel immer wieder auch Elemente einer ganz eigenen künstlerische Handschrift. Auffallend ist zum Beispiel die Verwendung von spitzen Hüten, die sich später zum typischen Merkmal von DDR-Spielen gemausert haben.

Die produktive Phase von Marianne Drechsel allerdings war relativ kurz. Wegen "anhaltender Repressalien" hat die Familie die DDR 1961 verlassen und ist nach Schongau (Bayern) übergesiedelt. "Meines Wissens war sie im Westen nicht mehr künstlerisch tätig", so Klaus Schröpel. Und da ist sie auch wieder, die Parallele zum Künstlerkollegen: Hannes Hegen hat seine Arbeit für das Mosaik wegen der für ihn unerträglichen Gängeleien von oben 1975 aufgegeben. Die Digedags wurden durch die Abrafaxe ersetzt. Im Alter von 89 Jahren ist Hannes Hegen 2014 gestorben. Auch Marianne Drechsel hat ein gesegnetes Alter erreicht: 92-jährig ist sie 2016 gestorben. "Ihre besondere Bedeutung bis heute besteht für mich darin, dass Marianne Drechsel weit über die Region hinaus gewirkt hat. Man könnte durchaus sagen, dass ihre Arbeiten nationale Bedeutung hatten", so Klaus Schröpel.

Die Ausstellung "Marianne Drechsel - eine Thalheimer Künstlerin" im Haus der Heimatkunde ist innerhalb des Weihnachtsmarktes in Thalheim an diesem Wochenende zu sehen. Geöffnet ist heute und morgen, jeweils von 14 bis 18 Uhr. Auf Anfrage kann die Schau noch bis zum Frühjahr besucht werden.

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