Von Sängern, die ihre Kritik oft zwischen die Liedzeilen packten

Dass hinter sanften Tönen starke Worte stecken können, haben Liedermacher in der DDR oft bewiesen - und sind dabei nicht selten angeeckt. Eine Ausstellung beleuchtet die Szene, ordnet sie ein und spannt auch einen Bogen ins Hier und Heute. 20 großformatige Tafeln, für die man sich Zeit nehmen sollte.

Oelsnitz.

Gerhard Schöne. Das war doch der, der vom Märchenprinz sang und von Jule, die sich nie wusch? Dessen Kassetten im Autoradio rauf und runter dudelten, wenn man mit den Kindern länger unterwegs war, und die man selbst gern hörte, weil sie so vielsagend waren? Ja, und es ist nicht auch der, der "Spar deinen Wein nicht auf für morgen" sang, ein Lied, das anfänglich nach einem gut gemeinten Ratschlag unter Freunden klingt, dann aber auch diese Zeilen hat: "Spar nicht mit deinen guten Worten. Wo man was totschweigt, schweige nicht. Und wo nur leeres Stroh gedroschen, da hat dein gutes Wort Gewicht!"

Gerhard Schöne ist Liedermacher, und war es schon zu DDR-Zeiten - weshalb er auch einen Platz in der Ausstellung "Sanfte Töne - starke Worte" fand. Die ist in der Oelsnitzer Bibliothek zu sehen, füllt den kompletten Gang aus. Großformatige, reich bebilderte und mit Dokumenten versehene Tafeln holen den Betrachter in jene Zeit, als Künstler ihre Kritik zwischen den Zeilen versteckten und die Hörer mehrdeutige Formulierungen dechiffrieren mussten. Die eher stillen wie Gerhard Schöne haben ihren Platz ebenso gefunden wie die unmissverständlichen - Wolf Biermann oder Stephan Krawczyk beispielsweise, die ihre Lieder und ihr Engagement letztlich mit Ausbürgerung beziehungsweise Haft und Abschiebung bezahlten. Die Ausstellung tut aber mehr, als an Lebensläufe und Lieder zu erinnern. Sie beschreibt chronologisch die DDR-Kulturpolitik, ordnet die Liedermacherszene ein, vergleicht mit der in der BRD und spannt den Bogen in die Gegenwart.

Den Ausdruck Liedermacher, den es bereits im 18. Jahrhundert gab, hat übrigens Wolf Biermann 1961 neu belebt, indem er die Bezeichnung vom "Stückeschreiber" Bertold Brecht ableitete. Ein Liedermacher - der ist im damaligen Verständnis ehrlich, im weitesten Sinn politisch und nicht kommerziell ausgerichtet, ist in der Ausstellung zu lesen. Im weitesten Sinn politisch - das heißt oftmals auch einfach, den Wunsch nach einer besseren DDR zum Ausdruck zu bringen, Umwelt- oder soziale Probleme zu verarbeiten.

Konzipiert wurde die Ausstellung vom Martin-Luther-King-Zentrum in Werdau. Einen konkreten Anlass dafür habe es nicht gegeben, sagt Mitarbeiterin Claudia Möckel. Hauptförderer sei die Bundesstiftung zur Aufarbeitung zur SED-Diktatur gewesen. Möckel: "Die Ausstellung wurde am 8. November 2012 i' in der Chemnitzer Stadtbibliothek eröffnet und traf bisher auf eine gute Resonanz". Mehr als zehnmal sei sie bislang ausgeliehen worden.

Und wie kommt sie nach Oelsnitz? Zunächst gab es das Angebot des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, eine Sprechstunde in Oelsnitz durchzuführen, erklärt Bürgermeister Bernd Birkigt. Das habe man gern angenommen, sagt er. "Wir hatten dann den Gedanken, den Anlass zu dafür zu nutzen, eine thematisch passende Ausstellung zu zeigen." Da er die Arbeit des Martin-Luther-King-Zentrums kenne, sei sein Wunsch zunächst die Exposition "Es ging seinen Gang" gewesen, bei der es um kritische Literatur in der DDR geht. Da die aber für den Zeitraum schon verplant war, sei das dann die "zweitbeste", aber inhaltlich genauso gute Wahl gewesen.

Für Bibliothekschefin Heidrun Dohle ist es eine sehr gute Wahl. "Auch für mich persönlich sind die Namen in der Ausstellung mit vielen Erinnerungen verbunden", sagt sie. "Das ist ein Thema, das bestimmt viele anspricht", ist sie überzeugt. Denn es seien viele bekannte Sänger vertreten. Bürgermeister Birkigt fällt sofort Gerhard Schöne ein, fragt man ihn nach einem DDR-Liedermacher. Auch bei ihm lief "Jule wäscht sich nie" für die Kinder, er erinnert sich an Konzerte in der "Jungen Garde" in Dresden, in Kirchen in Chemnitz und Schneeberg. Und natürlich erwähnt er auch "Spar deinen Wein nicht auf für morgen".

Die Ausstellung "Sanfte Töne - starke Worte" ist bis zum 15. April zu den Öffnungszeiten in der Stadtbibliothek Oelsnitz zu sehen. Neben den Postern gibt es auch eine Auswahl von Liedern zum Hören.


Wie kann ich meine Stasi-Akte einsehen?

Die Außenstelle Chemnitz des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) und der Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (LASD) laden zu einem Informationstag nach Oelsnitz ein. Mitarbeiter der Außenstelle stehen für Fragen rund um das Thema Akteneinsicht zur Verfügung und informieren über die Nutzungsmöglichkeiten des Stasi-Unterlagen-Archivs und wie der Zugang zu den Unterlagen beantragt werden kann, wie lange es bis zur Einsichtnahme dauert oder unter welchen Bedingungen Decknamen von Inoffiziellen Mitarbeitern entschlüsselt werden können.

Utz Rachowski (Foto), Mitarbeiter des LASD, beantwortet zudem Fragen zur Rehabilitierung und Wiedergutmachung. Dass mit dem Schriftsteller Rachowski der Kunze-Preisträger von 2007 nach Oelsnitz kommt, freut den Oelsnitzer Bürgermeister Bernd Birkigt besonders, sei es doch "Gelegenheit einen Preisträger der vergangenen Jahre persönlich kennenzulernen".

Der Informationstag findet am 26.März von 9 bis 17 Uhr in der Stadtbibliothek Oelsnitz statt. Ein Anmeldung ist nicht nötig. Für den Antrag auf Akteneinsicht ist ein gültiges Personaldokument erforderlich. (vh)

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