Von Sofa zu Sofa: Tim findet keine Ruhe

Zwickaus Streetworker schlagen Alarm. Immer mehr Jugendliche sind wohnungslos, ohne dass es auffällt. Der Landkreis Zwickau reagiert.

Zwickau.

Tim* hat es schon wieder erwischt: keine Freundin mehr, kein Job, keine Wohnung. Der 27-jährige Zwickauer schläft auf dem Sofa eines Freundes. Zwei weitere Freunde belegen die anderen Zimmer. Tim übernachtet im Wohnzimmer und will nur weg. "Ich bin froh, dass ich einen Schlafplatz habe. Aber ich habe nicht mal fünf Minuten Ruhe. Immer ist jemand da." Für Alexander Beuschel, Streetworker des Vereins "Gemeinsam Ziele erreichen", ist Tim kein Einzelfall. Auffällig für den Eckersbacher Sozialarbeiter in den vergangenen Jahren: Die Quasi-Obdachlosen, die bei wechselnden Bekannten Unterschlupf finden, werden immer jünger.

Versteckte Wohnungslosigkeit - Beuschel zufolge ist das seit Jahren sachsenweit ein Thema. Das Phänomen ist da, obwohl es kaum jemandem auffällt. Die Betroffenen sind oft verschuldet, süchtig, haben eine Heimkarriere hinter sich, kein Einkommen, hüpfen von einem Sofa zum anderen, gefährden gar einander. Wenn es in einer Wohnung, in der plötzlich drei Mann mehr übernachten, zu laut wird, fliegen gleich vier raus. Aktuell betreut Beuschel mit Kollegin Paula Thieme elf junge Leute: Jugendliche, die zu dritt in einer Ein-Raum-Wohnung hausen, einer übernachtet aus Angst vor Schlägern in einer Gartenlaube. Im Sommer kam eine 18-Jährige zu ihm, die zweieinhalb Monate auf einem Feld geschlafen hatte.


Wie vielen jungen Leuten im Landkreis Zwickau es ähnlich geht, kann das Jugendamt des Landkreises nicht sagen. Es schätzt aber ein, dass es reagieren muss. Im Sommer 2013 passierte es Tim das erste Mal. "Es war an meinem Geburtstag. Meine Freundin hat mich rausgehauen." Er stand plötzlich ohne alles da, lief von Planitz nach Eckersbach, um alle Freunde abzuklappern. Keiner war zu Hause oder öffnete. Mit der Straßenbahn fuhr er wieder zurück zum Sportplatz. Aus Frust betrank er sich. "Irgendwann schläft man ein", sagt er. Am nächsten Morgen war er sicher, dass er nie wieder draußen schlafen wollte. "Man kriegt Panik", erinnert er sich. Er zog in die Wohnung eines Freundes, der im offenen Vollzug war. "Ich hatte ein halbes Jahr Sicherheit." Tim gelang es, in Schwarzenberg eine eigene Wohnung zu bekommen. Es dauerte nicht lange, als ein Kumpel ihn fragte, ob er bei ihm übernachten könne. Es sei normal, einem Freund zu helfen, sagt Tim. Aber: "Als noch einer dazukam, wurde die Sache schwieriger." Die beiden kamen und gingen, wie sie lustig waren.

Beuschel weiß: "Am Anfang ist es cool, nicht mehr zu Hause schlafen zu müssen." Viele wähnen sich in Sicherheit, gucken nicht nach vorn. Doch wenn man permanent Leute um sich herum hat, verschiebt sich das. Das Herauskämpfen wird schwierig, oft haben sich Probleme angehäuft. Bei Umzügen gehen zudem wichtige Unterlagen verloren.

Die Zwickauer Freunde fehlten Tim, er wollte zurück, fand auch eine Wohnung, kündigte die alte. Als er einziehen wollte, gab es einen Rohrbruch. Der Vermieter zog sein Angebot zurück. Tim war erneut obdachlos. In die städtische Unterkunft zu gehen, hat er nie erwogen. "Was man da so hört...", sagt er. Vorübergehend kam er bei zwei Freundinnen unter. Gegenleistungen? Tim verneint lachend. Streetworker Beuschel lacht nicht. Er kennt Mädchen, die das Dach überm Kopf mit Sex bezahlen müssen.

Bei den Eckersbacher Streetworkern sind die meisten Hilfesuchenden männlich. Doch stoßen die Helfer mehr und mehr an ihre Grenzen. Beuschel zufolge hat das Hilfenetz eine Lücke: Für Jugendliche über 18Jahren ist das Jugendamt nicht mehr zuständig. Bis 25 Jahre zahlt das Arbeitsamt keine Unterkunftskosten, die Eltern sind verantwortlich. Die Wohnungslosenhilfsprojekte der Stadtmission richten sich an 21-Jährige und Ältere.

Es fehlt ein Projekt für Jugendliche, in dem sie das Wohnen lernen. Die Stadtmission, die sich schon lange um Obdachlose kümmert und Wohnungsnotfallhilfe leistet, hat bereits ein solches eingereicht. Jetzt reagiert der Landkreis. Das Projekt sei sinnvoll und notwendig, wurde bereits in die Haushaltsplanung für 2018 eingeordnet, so Landratsamtssprecherin Ilona Schilk. Zudem hat der Kreis ein Projekt für sozialpädagogisch begleitetes Jugendwohnen für 16- bis 26-Jährige ausgeschrieben, sieben Plätze ab März, vorzugsweise in Limbach-Oberfrohna, Oberlungwitz, Glauchau, Meerane, Lichtenstein oder Crimmitschau.

Tim hört nicht auf, sich nach einer Wohnung umzuschauen. Es sei schwer, als Arbeitsloser einen Vermieter zu finden. Der will Sicherheiten, Lohnnachweise, keinen Mieter mit Schulden. Tim ist Maurer, hat nach zwei Unfällen kaputte Knie. Beuschel bestätigt: "Selbst bei befristeten Arbeitsverträgen sind die Vermieter zurückhaltend." Tims größtes Problem allerdings ist, am Monatsende etwas in den Kühlschrank zu bekommen. "Das Essen ist richtig knapp", sagt der junge Mann.

Nach Hause zurückzukehren, ist Tim unmöglich. Seine Mutter ist krank und wird seit Jahren von seinem Stiefvater, mit dem er zerstritten ist, gepflegt. Schon als Teenager war er rausgeflogen, versteht heute, dass seine Mutter damals sauer auf ihn war. "Es war meine eigene Faulheit", sagt Tim. Er trägt den Namen seiner Mutter noch immer als Tattoo auf dem Arm.*Name geändert


Stadtmission stellt sich Übergangswohnprojekt und danach ambulante Betreuung vor

Das Potenzial der Streetworker ist ausgeschöpft, sagt Elfried Börner von der Stadtmission, die in der Zwickauer Innenstadt mobile Jugendarbeit leistet. Das städtische Obdachlosenheim biete in der Not ein Dach überm Kopf, aber nicht die nötige pädagogische Begleitung.

Der Verein hat beim Landkreis ein Projekt für insgesamt 16 junge Menschen im Alter von 18 bis 21 Jahren eingereicht. Es handelt sich um ein Übergangswohnprojekt in Zwickau und ambulant betreutes Jugendwohnen in der Region verteilt. Eine seiner Kolleginnen hat bereits begonnen, mit zwei Jugendlichen eine Wohnung zu suchen und ihnen zu helfen, die Wohnung zu halten. Das beinhaltet etwa den regelmäßigen Check der Finanzen, Hilfe bei der Suche nach Ausbildungs- und Jobmöglichkeiten oder Therapien. Das Angebot richtet sich an junge Leute, die Begleitung brauchen und auch annehmen wollen.

Börner zufolge ist versteckte Wohnungslosigkeit kein Zwickauer Thema, es passiert auch im Umkreis und zu bestimmten Zeiten häufiger: "Letztes Jahr vor Weihnachten hatten wir gleich vier Fälle auf einmal." (upa)

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