Waisenhaus statt Kindergarten

Kinder sind ihr Leben, ihre Bestimmung. Während andere in ihrem Jahresurlaub entspannen, helfen Michelle Günther und ihr Freund Philipp Gräbner Kindern in Not. Erst jetzt waren die Stollberger wieder in Kenia.

Stollberg.

Spielsachen soweit das Auge reicht, liebevolle Umarmungen und ausgewogene Mahlzeiten - so sieht der Kindergartenalltag in Deutschland aus und genau in diesem Umfeld arbeiten die beiden Erzieher Michelle Günther und ihr Freund Philipp Gräbner ganzjährig. Oder zumindest fast: Denn einmal im Jahr tauschen sie die gut ausgestatteten Kindergärten hierzulande gegen ein Waisenhaus in Afrika. Dort befindet sich das gesamte Hab und Gut eines Kindes in einem kleinen Koffer unter dem jeweiligen Metallhochbett, Spielsachen gibt es kaum: "Die Kinder spielen wirklich mit Müll", erzählt die 25-jährige Stollbergerin. Das dritte Jahr in Folge nutzten sie und ihr Freund die Urlaubstage, um Kindern in Armut zu helfen. Über die Ora Kinderhilfe reisten sie bereits nach Rumänien und Nepal. Jetzt waren sie in Kenia.

Bereits nach ihrer Ausbildung wusste Michelle Günther, dass sie Kindern in Not helfen möchte. Aber die Flüge sind teuer und so musste sie erst einmal darauf sparen: "Es ist mir eine Herzensangelegenheit", sagt sie. "Wenn ich die strahlenden Kinderaugen sehe, weiß ich, es kommt was an. Das ist so viel mehr Wert als materielle Dinge".

Über hundert Kinder leben in dem Waisenhaus in der kleinen afrikanischen Stadt Malindi, in dem die zwei Stollberger vier Wochen lang unterrichteten. Die Eltern der Kinder sind meist an Aids gestorben oder sind auf unbestimmte Zeit verschwunden, da manche Frauen aufgrund fehlender Bildung auf die Masche reicher Männer hereinfallen und mit ihnen weggehen. Den Kindern fehlt es an Elternliebe, die gesellschaftlichen Unterschiede sind groß. "Es gibt immer Maisbrei in verschiedenen Variationen, weil es billig ist", berichtet Günther. Als es zum Abschied der Deutschen Reis mit Hühnchen gab, war das für die Kinder eine absolute Besonderheit.

Gelebt haben die Beiden während der vier Wochen im Haus des Pfarrers, der sich um das Waisenhaus kümmert. Michelle Günther kochte mit den Frauen über der Feuerstelle und ging mit Feuerholz holen. Die Verbindung besteht weiter: "Wir telefonieren oft mit ihnen und gedanklich sind sie immer bei uns". Trotz der herzerwärmenden Erfahrungen, der Liebe, die die Kinder zurückgeben, und der Dankbarkeit, sind diese Eindrücke schwer zu verarbeiten: "Natürlich freue ich mich dann auch auf Familie, Zuhause und auch mal Heidelbeeren zu essen. Aber alles, was wir hier haben, ist nicht selbstverständlich", sagt Michelle Günther. Wenn Freunde sich über Belanglosigkeiten aufregen - etwa, wenn ausgerechnet der Fisch, den sie kaufen wollten, ausverkauft ist - dann ist das für die junge Frau nur schwer zu ertragen. Dieses "Meckern auf hohem Niveau", wie sie es nennt, ist ihr nach der Zeit in Afrika unverständlich. "Obwohl sie dort den Kaffee anbauen, ernten, auf dem Feld stehen, können sie den Kaffee nicht trinken, weil er zu teuer ist. Wir hier trinken ihn dann", nennt Michelle Günther ein Beispiel.

Obwohl sie beim Unterrichten oft kreativ werden müssen, in dem sie etwa Bleistifte zerbrechen, weil es nicht genügend gibt, sind es die kleinen Dinge, die den Kindern die größte Freude bereiten: "Bei Fingerspielen und dem Verwenden von Mimik und Gestik waren sie immer ganz hin und weg", erzählt Günther. Obwohl die Kinder selbst so wenig besitzen, gaben sie Karembo (die Schöne) und Kalume (kleiner Mann), wie Michelle und Phillip in Malindi getauft wurden, sogar noch Geschenke mit. Ein Armband, eine Kette und einen selbstgemachten Anhänger trägt Michelle nun bei sich. Ebenso wie eine selbstgeschnitzte Arche Noah, in der sie jeden Abend ein Teelicht anzündet, um sich mit dem Waisenhaus verbunden zu fühlen. Eines hat Michelle gelernt: "Man sollte mehr mit dem zufrieden sein, was man hat, und sich wieder mehr freuen".

Der Verein Ora Kinderhilfe international ist seit 1981 weltweit im Einsatz. Derzeit betreut das christliche Kinderhilfswerk Kinder und Familien in zehn Ländern auf vier Kontinenten. Wer Kontakt aufnehmen möchte oder spenden möchte, erreicht Carmen Schöngraf unter Ruf 030643878234. www.ora-kinderhilfe.de

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