Wann macht die letzte Kneipe dicht?

Mit 76 Lenzen steht Jörg Hirsch immer noch am Tresen der Rödlitzer Gaststätte "Zur Feuerwehr". In DDR-Zeiten gebaut, droht nach 50 Jahren auch der einzig verbliebenen Kneipe des Lichtensteiner Ortsteiles das Aus.

Rödlitz.

Macht schon bald die letzte Rödlitzer Kneipe dicht? Die Tage der Gaststätte "Zur Feuerwehr" könnten gezählt sein. Die Stadt Lichtenstein will das Grundstück abstoßen. Mindestgebot: 22.000 Euro. Bis zum 10. Dezember mussten die Angebote in der Stadtverwaltung vorliegen. "Es gibt auf jeden Fall Interessenten", hat Bürgermeister Thomas Nordheim (Freie Wähler) jetzt bestätigt. Die Entscheidung über den Verkauf fällt der Stadtrat allerdings erst in der übernächsten Ratssitzung. "Vorher soll es noch eine Anhörung im Rödlitzer Ortschaftsrat geben. Der hat aber im Januar keine Sitzung", so Nordheim.

Gastwirt Jörg Hirsch sitzt nun erst mal wie auf Kohlen. An das Baugeschehen vor 50 Jahren kann er sich noch genau erinnern. Er war 26 Jahre jung und gehörte damals schon zur Rödlitzer Feuerwehr. Deren Wehrleiter Manfred Ebert ergriff 1959 die Initiative. "Die Wehr brauchte einen ordentlichen Schulungsraum", sagt Hirsch. Der Saal sollte auch für Feiern dienen, zum Beispiel für die weihnachtlichen Dorffestspiele, die es in Rödlitz gab. Im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes packten beim Bau nicht nur die Mitglieder der Wehr mit an, sondern viele Freiwillige aus dem Ort. Für die Materialbeschaffung in der DDR-Mangelwirtschaft zogen die Initiatoren damals alle Register. Als Träger für den Fußboden trieben sie Schienen der ehemaligen Überlandbahn Oelsnitz - Hohenstein-Ernstthal auf. Und für die Dachkonstruktion kamen Balken zum Einsatz, die beim Abriss einer Baracke auf dem Gelände des Zwickauer Martin-Hoop-Schacht IV, landläufig als Viererschacht bekannt, sorgsam ausgebaut wurden.

Nach der Wende sank das Interesse bei der Feuerwehr, das Haus weiter zu betreiben, enorm. Außerdem verlangte die Stadt von der Feuerwehr Pacht für das Haus. Jörg Hirsch, damals selbst Wehrleiter, konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, die Traditionskneipe sterben lassen und übernahm die Gasträume in private Regie. Der gelernte Tischler, der viele Jahre als Lokführer in der Nickelhütte seine Brötchen verdiente, hatte einige Lehrgänge belegt und kannte sich mit dem Gastwirtsgeschäft ganz gut aus. Noch heute stehen auf der Speisekarte solche Klassiker wie Schnitzel mit Brot oder Kartoffelsalat, Warmes Eckchen, Scharfe Sache und Beefsteak mit Ei, aber auch Seelachsfilet. Und hier kocht der Wirt noch selbst. "Sein Bauernfrühstück ist legendär", schwört Thomas Hantke. Er ist nach wie vor Stammgast, hatte einst beim Bau der Gaststätte mitgeholfen. "Es würden viele im Ort bedauern, wenn auch die letzte Rödlitzer Gaststätte noch schließt", sagt er. An Jörg Hirsch soll es nicht liegen. "Ich würde gern noch zwei Jahre weitermachen, wenn die Gesundheit mitspielt und mein 25-Jähriges als Gastwirt erleben", sagt er. "Das ist außerdem besser, als zu Hause alleine herumzusitzen."

Am Wochenende geht es in der "Feuerwehr" rund. Freitags rücken traditionell acht Billardspieler an. Meist kommen noch 15 Gäste dazu. Das stemmt der Wirt alleine. "Die Gäste sind Kummer gewöhnt, die warten auch mal eine halbe Stunde aufs Essen", sagt Hirsch lachend. Die Stammtischbesatzung kann dem nur beipflichten: "Warum nicht. Wenn es gut schmeckt, ist das total in Ordnung", so Thomas Hantke.

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