Warum Automobilzulieferer Powertrain 200 Menschen entlässt

Hans Schlickum, der zuständige Geschäftsführer für den Standort Oelsnitz/E., über die Entlassungen, unsichere Zeiten und den Druck der Automobilriesen

Oelsnitz.

Von 600 Beschäftigten muss zum Jahresende ein Drittel den Oelsnitzer Automobilzulieferer Powertrain GmbH verlassen - einer Sparte des Sodecia-Konzerns. Doch was sagt der Chef Hans Schlickum zur Situation am Standort im Erzgebirge - dem größten Arbeitgeber in der Stadt? Mit ihm sprach Jan Oechsner.

Freie Presse: Warum müssen Sie so viele Leute entlassen?

Hans Schlickum: Wir sind Direktzulieferer für die großen Automobilhersteller, das heißt: Diese kaufen die Baugruppen, die sie für ihre Herstellung brauchen. Für Volkswagen stellen wir in Oelsnitz zum Beispiel innere Schaltsysteme für quer eingebaute Doppelkupplungsgetriebe her - auch DQ-Getriebe genannt. Bei früheren Getriebegenerationen waren wir noch Alleinlieferant. Aber wegen der Unsicherheit am Automobilmarkt nominiert Volkswagen - und die anderen Marken zunehmend auch - mittlerweile aus Sicherheitsgründen lieber mindestens zwei Lieferanten, die sich das gesamte Produktionsvolumen teilen müssen. So wollen die Autobauer sicherstellen, auch bei einem Konkurs eines Zulieferers immer noch einen weiteren in petto zu haben. Die Frage ist, wer das größere Stück vom Kuchen bekommt.

Sie müssen also in jedem Fall mit den Kosten runter ...

Durch internationalen Wettbewerb ist der Kostendruck für die deutschen Autohersteller immens hoch geworden. Daher müssen wir uns auch als Zulieferer dieser Herausforderung stellen. Dies geschieht in Deutschland überwiegend mit mehr Automatisierung - auch bei uns. Wir investieren beispielsweise in Oelsnitz dieses Jahr acht Millionen Euro in eine zweite automatisierte Produktionslinie für das aktuelle DQ-381-Projekt für Volkswagen. Das hat ganz zwangsläufig aber Auswirkungen auf die Arbeitsplätze. Ich kann jedoch sagen, wir haben für die meisten der 200 Betroffenen gute Lösungen entwickelt - entweder über Vorruhestand, Aufhebungsverträge oder Abfindungen, die über die die gesetzlich vorgeschriebenen Regelungen hinausgehen.

Wie ist die Stimmung in Oelsnitz - die Betroffenen wissen ja noch nichts von Ihrem Schicksal?

Die Stimmung ist angespannt. Wir werden die kommenden zwei Wochen für Einzelgesprächen mit den betroffenen Beschäftigten nutzen und ihnen erklären, dass die Maßnahmen für den Fortbestand des gesamten Standortes notwendig sind. Wir behandeln diese Menschen fair und respektvoll, da sie teilweise sehr lange und immer gut für das Unternehmen gearbeitet haben. Wenn wir diese Gespräche geführt haben, wird sich die Stimmung in Oelsnitz wieder aufhellen.

Nur: Den etwa 400 verbliebenen Mitarbeitern können Sie auch keine Arbeitsplatzgarantie für die Zukunft geben.

Den Standort Oelsnitz wird es auch in ferner Zukunft geben, ohne allerdings eine konkrete Mitarbeiterzahl in Stein meißeln zu können. Was die Zahl der verbleibenden Arbeitsplätze angeht: Wenn ich ein Versprechen gebe, halte ich das auch. Daher bin ich bei Zahlen vorsichtig. Denn die Situation ist die: Wir haben keine Zusagen der Auftragsvolumen seitens der Autobauer. Man einigt sich jedes Jahr auf Lieferquoten. Beispiel: Wenn ein Konzern 500.000 Autos mit einer unserer Getriebekombination herstellt, liefern wir bei einer Quote von 50 Prozent 250.000 Stück. Verkauft der Autobauer aber nur 300.000 Autos, sind es dementsprechend weniger Getriebekombinationen. Wir müssen also flexibel sein. Aber nochmal: Oelsnitz spielt in der Sodecia-Gruppe eine wichtige strategische Rolle.

Welche genau?

Sodecia betreibt 40 Werke weltweit, aufgeteilt in Divisionen. Da gibt es Fabriken für die Karosserieteile, wie etwa A- oder B-Säulen und Instrumententafel-Träger. Oder es gibt die Sicherheits- und Innenraumausstattung - wie beispielsweise Gurthöhenversteller oder Gepäckraumhalterungen. Dann den Teile-Einkauf für die Versorgung der Divisionen. Und schlussendlich die Sparte Powertrain, die unter anderem innere Schaltungen und Parksperrensysteme produziert. Zu dieser Division gehört Oelsnitz. Oelsnitz beliefert aber nicht nur direkt die Autobauer, sondern stellt Einzelteile innerhalb dieser Division für unsere Partnerwerke in China oder Portugal her. Dort werden diese zusammengefügt zu einer vom Kunden gewünschten Baugruppe. Wie ich schon sagte, investieren wir ja in den Standort Oelsnitz dieses Jahr - für die kommenden zwei Jahre sind zudem schon heute 2,5 Millionen Euro eingeplant. Trotzdem gebe ich zu bedenken: Wir leben in unsicheren Zeiten.

Sie nannten die Unsicherheit am Automobilmarkt. Wo sehen Sie diese denn genau?

Das Käuferverhalten ist derzeit kaum berechenbar - junge Leute kaufen sich lieber ein 2000-Euro-Highspeed-Tablet als einen Gebrauchtwagen. Die ganze politische Frage der Elektromobilität ist ungeklärt - und überhitzt in der Debatte. Unklare Förderprogramme verwirren zusätzlich. Die Politik verfitzt sich im Dickicht aus Hype und Schönreden. Das ist in ganz Europa so. Die Franzosen sagen zum Beispiel: Ein reiner Elektroantrieb macht nur in kleinen Autos Sinn. Das geht vielleicht für Großstädte wie Paris, aber doch nicht auf dem Land, schon wegen der fehlenden Ladeinfrastruktur. Und Fragen wie das Entsorgen von Lithium-Ionen-Batterien sind auch offen. Wir spüren die Unsicherheit ganz konkret: die großen Autohersteller geben uns keine Langzeitlieferverträge mehr.

Und diese gehen zudem verstärkt in Regionen, wo die Lohnkosten deutlich billiger sind.

Richtig. Dies wird aber durch den Preisdruck erzwungen. Mercedes baut sein 8-Gang-Dopplungsgetriebe nur noch in Rumänien. In Portugal sind die Lohnkosten etwa halb so hoch wie in Deutschland. Um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Hinzu kommen gewisse Vorteile für den Arbeitgeber, etwa dass Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall der Staat X übernimmt oder es womöglich steuerlich im Land Y interessantere Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Wenn sich Weltkonzerne anderswo neu aufstellen, müssen die Zulieferer zumindest in gewisser Weise in die gleichen Fußstapfen zu treten, wenn sie im Geschäft bleiben möchten. Aber dafür ist Sodecia ja schon heute weltweit gut aufgestellt.

Und trotzdem bleibt Oelsnitz als Standort im Erzgebirge sicher?

Ja, weil Oelsnitz nicht nur produziert, sondern auch wichtiger Fertigungsprozess-Entwickler ist - Oelsnitz ist nicht nur der größte in der Powertrain-Division von Sodecia, sondern auch ganz klar ein Know-How-Standort. Wir unterstützen regelmäßig mit Ingenieuren und erfahrenen Facharbeitern unsere Partnerwerke in China und Portugal bei Produktanläufen. Kurzum: Oelsnitz ist und bleibt ein sicherer Standort.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 7 Bewertungen
1Kommentare
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  • 4
    1
    Nixnuzz
    28.09.2019

    Ob das Gesagte die Menschen hier überhaupt interessiert geschweige Wahrgenommen wird? Was interessieren HIER Löhne in Rumänien oder Portugal? Hier geleistete Arbeit ist einfach zu bezahlen. Egal wie! Egal wovon?? Auch wenn keine Arbeit mehr da bzw. angeboten werden kann..... Fridays for Future and the next day for ...? Bis zur Wende war die Welt vor der Grenze - jetzt steht die Welt mit all ihrem Potential zuhause vor dem Küchentisch.



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