Was ein Foto in schwarz-weiß dem geübten Auge verrät

Bis zum 24. April 2020 ist das Bergbaumuseum Oelsnitz wegen Umbaus geschlossen. Einige Exponate der künftigen Dauerausstellung stellt "Freie Presse" als "Objekt des Monats" vor. Aktuell ist es ein Gruppenbild aus der Zeit um 1890.

Oelsnitz.

"Aufnahmen wie diese sind kleine Perlen innerhalb einer musealen Sammlung, da sie so viel mehr verraten können, als das bloße Auge zunächst sieht" erklärt Deborah Weise, Projektmitarbeiterin der 4. Sächsischen Landesausstellung im Bergbaumuseum Oelsnitz. Sie spricht von einem ganz bestimmten Foto - im Museumsjargon ein Exponat der Kategorie Flachware - das zudem ein sehr gutes Beispiel für die Arbeit der Traditionswahrung im Bergbaumuseum sei: einer Gruppenaufnahme mit Bergmännern aus der Zeit um 1890.

Deborah Weise: "Fotografien, gerade auch aus den ersten Jahrzehnten der Fotokunst, sind nach wie vor ganz besondere Fenster in die Vergangenheit." Beim näheren Betrachten solcher Bilder enthülle gerade das geübte Auge des Historikers Interessantes, was auf den ersten Blick verborgen bleibe. So ist die gezeigte Abbildung zunächst recht schnell beschrieben: Zu sehen sind 18 uniformierte, stehende Bergmänner. Neben ihren Uniformen sind sie mit diversen Stücken Paradegezähe ausgestattet. Davor sitzen vier Herren, drei davon im Anzug und einer mit Kittel. Im Hintergrund sind vermutlich Gebäudeteile einer Werksanlage zu sehen. Außerdem wurde das Foto im Winter aufgenommen, denn es liegt bereits oder noch Schnee. So viel dazu, was der erste Blick offenbart.

Hat man allerdings das dafür nötige Detailwissen, erkennt man mehr, sagt Museumsmitarbeiterin Weise. Beispielsweise, dass es sich um Bergmänner des Zwickauer Steinkohlenbauvereins handelt, ersichtlich an ihren speziellen Uniformen. "Die Koppelschlösser der Gürtel zeigen die drei Schwäne des Zwickauer Stadtwappens. Außerdem bemerkt man bei genauerem Hinschauen die unterschiedlichen Gezähe, welche für verschiedene Gewerke stehen", erklärt die Museumsmitarbeiterin. Die Bergbarten mit beilförmigem spitzen Kopf und Holzschaft repräsentierten die Bergleute. Sogenannte Kaukämme, welche mehr noch einem klassischen Beil entsprachen, wurden hingegen von den Zimmerlingen, den Holzarbeitern unter Tage, zur Schau getragen.

"Eine Besonderheit ist der Franzose", weist Deborah Weise nicht etwa auf eine der abgebildeten Personen hin, sondern auf eines der Gezähe: In der hinteren Reihe schaut ein Herr mit vollem Rauschebart und freundlichen Augen in die Kamera - an seiner linken Schulter lehnt der genannte Franzose. Es handelt sich um einen universellen Schraubenschlüssel mit Öffnungen nach beiden Seiten. Das lässt laut Weise die Annahme zu, dass sein Träger ein Schlosser war. Der Mann war zudem auch nicht sehr groß - denn er musste für die Aufnahme auf einer der Sprengstoffkisten Position beziehen.

Deborah Weise kann einigen der abgebildeten Personen auch Namen geben: Der etwas streng blickende Herr mit Nickelbrille in vorderster Reihe ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Max Pinther - bis 1905 Kaufmännischer Direktor des Unternehmens. Der Herr mit gespaltenem "Tirpitz"-Bartneben ihm ist Ferdinand Kästner, der Aufsichtsratsvorsitzende. Und: Nach dem Vergleich mit anderen Aufnahmen haben die Museumsmitarbeiter die Werksanlage im Hintergrund als den Vereinsglückschacht in Zwickau identifiziert. Heute findet sich in der Nähe der ehemaligen Grube das Westsachsenstadion.

"Solche Aufnahmen geben einer lang vergangenen Zeit ein oder mehrere Gesichter und lassen so eine persönliche Ebene zwischen Bild und Betrachter entstehen", findet Deborah Weise. Und daher ist sich die Museumsmitarbeiterin sicher, dass auch in der neuen Dauerausstellung Exponate wie dieses Foto zu sehen sein werden.

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