Waschbären - süß und doch eine Plage

Zuletzt wurden in Mittelsachsen deutlich mehr Tiere erlegt als in den Vorjahren - ein Hinweis auf ihre steigende Anzahl. Jäger fordern weitreichendere Maßnahmen, um dem Waschbär Herr zu werden.

Flöha/Großschirma.

Eine Nacht im August: Ein lautes Scheppern ist kurz nach Mitternacht zu hören. Der Familienvater, der mit Frau und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus am Rande des Rochlitzer Bergwalds lebt, schreckt aus dem Schlaf. Nicht schon wieder, sagt er sich. Erneut hat ein Waschbär die Mülltonne vor dem Haus ausgeräumt; trotz kiloschwerer Eisenstange, die mittlerweile den Deckel beschwert. Doch dem Wildtier gelang es offenbar, das Eisen wegzuschieben. Erst vor wenigen Tagen hatte ihn seine Frau aufgeweckt. "Du musst kommen, rasch. "Ich hab Angst." Die Rochlitzerin steht um 4.30 Uhr auf. Gegen 5 Uhr fährt sie zur Arbeit - eigentlich. Doch diesmal hockte ein Waschbär vor der Haustür.

Die nachtaktiven Allesfresser entwickeln sich zur Plage. "Waschbären sind eigentlich überall im Landkreis verbreitet", sagt Kerstin Grosse, Vorsitzende des Jagdverbands Freiberg mit Mitgliedern in ganz Mittelsachsen. Als Heger ihrer Reviere sind die Jäger direkt von der Ausbreitung der Tiere betroffen. "Die Zuwachsraten sind exponentiell", erläutert Grosse. "Denn die Waschbären haben keine natürlichen Feinde." Die Situation sei ernst.

Denn dadurch, dass Waschbären gut an viele Umweltbedingungen angepasst sind, fallen ihnen Vertreter vieler geschützter Arten zum Opfer. Die Waschbären bevorzugen für ihr Revier Orte, an denen sie ihre Jungen aufziehen. Das können Höhlen sein, dunkle Löcher, Dachspalten, aber auch Zwischenböden. Für den Menschen mache sich das mit Schäden in seiner Umgebung bemerkbar. "Aber die Auswirkungen für die Natur halte ich für schwerwiegender", so Grosse. Bodenbrüter, Kleinsäuger - der Waschbären sei für viele Tiere eine Gefahr.

Obendrein kommen Waschbären den Jägern selten zufällig vor die Flinte. "Sie sind nachtaktiv", erläutert die Jagdverbandschefin. "Selbst wenn ich einen entdecken würde, dürfte ich nicht abdrücken. Denn dafür kann ich sie zu schlecht sehen. Dann ist der Abschuss verboten." Fallen seien die einzige Möglichkeit, die Tiere loszuwerden.

Gunther Zschommler ist der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer Sachsen. Der Großschirmaer Landwirt bezeichnet den Waschbären als "großen Räuber, der auch immense Schäden an Gebäuden anrichtet". "Der Waschbär kann eigentlich alles - außer fliegen", so Zschommler. Das Tier plündere die Gelege von Greif- und Singvögeln genauso wie von Enten und Rebhühnern. Laut Zschommler stellt der Waschbär gerade für Kleintierhalter eine Herausforderung beim Schutz der Hühner, Enten und Kaninchen dar. Der Waschbär sei kein Problem der Jäger allein, sondern ein "gesamtgesellschaftliches Problem". Deshalb fordert Zschommler eine Fangprämie.

Im Landratsamt haben 2018 laut Sprecherin Cornelia Kluge Anfragen von Bürgern und Gemeinden zum Umgang mit dem Waschbären im Vergleich zu Vorjahren zugenommen. Die Behördenmitarbeiter geben Hinweise, beispielsweise, dass Speisereste nicht auf den Gartenkompost gegeben, verschließbare Schnellkomposter genutzt und Mülltonnen mit Spanngummis gesichert werden sollten. Zudem werde der Kontakt zu Jägern vermittelt. Eine Statistik zu erlegten Tieren sei erarbeitet worden: Exakt 1873 Waschbären sind in der Jagdsaison 2017/18 in Mittelsachsen geschossen worden - 623 Tiere mehr als in der vorherigen Saison "Unstrittig ist, dass der Waschbär sich immer mehr ausbreitet und sich der Bestand deutlich erhöht hat", so Kluge.

Für den "Feind im Garten", wie der Rochlitzer sagt, will er sich nun eine Lebendfalle zulegen. Das Wildtier soll dann ein befreundeter Jäger zur Strecke bringen. Bei Freunden hätte das ebenfalls geklappt.

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