Wenn die Natur zurückkommt: Land unter in Rödlitz

Viele Jahrzehnte lang tranken die Rödlitzer das Wasser aus ihren Quellen. Bis Mitte der 1990er. Nun bahnt sich der ausgetrocknete Bach seinen alten Lauf - genau dort, wo heute Häuser stehen.

Rödlitz.

Das Klettergerüst steht in einer Pfütze. Pumpen saugen alle paar Minuten Wasser an, Schläuche leiten es aus dem Garten der Großers ab. Und im Keller von Ehepaar Kunz nebenan sind Pumpen im Einsatz; man hört sie im ganzen Haus, sagt Ute Kunz. Auch nachts. "Wir wohnen in einem Sumpfgebiet", stellt sie nüchtern fest.

Ihr Großvater hat einst das Haus am Rödlitzer Gemeindeberg gebaut. 1937 steht in der Baugenehmigung, damals war das Tal hier trocken. Doch auf alten Flurkarten wird das Problem deutlich: Wo jetzt Häuser stehen und Gärten liegen, verlief noch um 1900 ein zweiter Arm des Rödlitzbachs, sein Wasser staute sich zu einem Teich. Die Menschen mögen das vergessen haben - die Natur hat es nicht.

Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Rödlitzer, die Quellen rund um das Dorf anzuzapfen, legten Rohre in die Erde. Callnberg, Lichtenstein und Rödlitz selbst nutzten das Trinkwasser. Der Grundwasserspiegel sank; der Teich, der zweite Lauf des Rödlitzbaches, sie verschwanden. Die Aue trocknete aus. Häuser wurden gebaut. Doch Mitte der 1990er gingen die Rödlitzer Quellen vom Netz: Die Qualitätsstandards in der Aufbereitung sind strenger geworden. Kleine Anlagen sind teurer als eine zentrale - das Wasser kommt nun von der Talsperre in Eibenstock.

Die Rohre liegen noch im Boden, nehmen Wasser aus dem Erdreich auf, kanalisieren es. Und doch sei der Boden übersättigt, seit das Wasser nicht mehr in die Badewannen und Waschbecken der Rödlitzer fließt. Das sagt Jörg Fankhänel. Jahrzehnte lang hat er in der Wasserwirtschaft gearbeitet und den beiden Familien beigestanden, als vor rund drei Wochen eine kleine Sintflut hereinbrach: Als es nach den heftigen Schneefällen Mitte Januar taute, drückte plötzlich Wasser in den Keller von Ehepaar Kunz. Rund 400 Liter Wasser habe die Pumpe in den Rödlitzbach befördert, sagt Christian Kunz. Auch Großers nebenan mussten pumpen, baten zusätzlich die Feuerwehr um Sandsäcke.

Was war passiert? Die Schneeschmelze hat die Rohre überfordert, vermutet Jörg Fankhänel. Seit der Trinkwasserzweckverband Lugau-Glauchau (RZV) sie nicht mehr nutzt, also auch nicht mehr regelmäßig reinigt, ranken Wurzeln hinein und verstopfen die Rohre an manchen Stellen. Die Straße wirke wie eine zusätzlicher Damm, so Fankhänel. Dahinter liegen die Häuser der Familien Kunz und Großer in einer Senke - und werden nun unfreiwillig zu Wassergrundstücken.

Dass verstopfte Anlagen allein für die Flut im Rödlitztal verantwortlich seien, bezweifelt Volker Ratz vom RZV. Als letzter Nutzer ist der Verband für die Rohre zuständig. Heißt: Einmal im Jahr prüft der RZV die Verkehrssicherheit der Schächte, schneidet bei Bedarf verstopfte Rohre frei - im Rödlitzer Quellgebiet laut Ratz zuletzt Ende Januar. Man müsse vor Ort den Zustand der Rohre prüfen, sagt Ratz.

Theoretisch müsste der RZV die Anlage irgendwann zurückbauen - also den ursprünglichen Zustand herstellen. Allerdings würde dann das Rödlitztal endgültig wieder Sumpfgebiet. Auf dem unbebauten Nachbargrundstück ist das schon zu erahnen: Dort bildet sich derzeit eine Auenlandschaft. Eine Baugenehmigung hätte es für die Häuser hier nie geben dürfen, das habe sie nun schon häufiger gehört, sagt Ute Kunz. Das mag Tatsache sein, den Betroffenen nutzt sie wenig. Ähnlich wurde vielerorts gehandelt, bestätigt RZV-Mann Ratz. Die zuständige Wasserbehörde des Landkreises könne in solchen Fällen Abstand nehmen von der Forderung nach Rückbau. Dann müsse sich aber jemand finden, der sich um die Rohre kümmert.

Eine einfache Lösung wird es in Rödlitz jedenfalls nicht geben. Ortsvorsteher Lutz Weißpflug will sich der Sache annehmen. Fest steht, sagt er: Das überschüssige Wasser muss irgendwohin. Wohin, ist nun mit den Beteiligten zu klären.

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