Wenn einem die Worte fehlen: Selbsthilfe für Aphasiker

Im Stollberger Aphasikerzentrum treffen sich Menschen aus ganz Südwestsachsen, um neuen Mut zu fassen. Dabei geht es nicht nur um Gesprächsrunden im Stuhlkreis. Gerade erst haben sie sich ein kulturelles Erlebnis geschaffen.

Die Aphasiker bei einem Ausflug ins österreichische Abtenau.

Für Sie berichtet: Christoph Pengel

Wie ein Seiltänzer ging Thomas Barthold durch die Straßen. Schwankend, tastend, die Arme ausgebreitet, um das Gleichgewicht zu halten. So lernte er, wieder geradeaus zu laufen. Wenn sich andere darüber lustig machten, dachte er nur: "Ihr wisst gar nicht, was ich durchgemacht habe."

Seit einem Motorradunfall leidet Thomas Barthold an Aphasie. Es fällt ihm schwer zu sprechen, er hat Probleme mit der Koordination. Eigentlich würde er gern wieder Motorrad fahren. "Aber das ist noch schwierig." Immerhin kann er heute ein Auto steuern. Dass er wieder so selbstständig ist, hat er auch einer Selbsthilfegruppe zu verdanken. "Die hat mich aufgebaut". Barthold ist Vorstandsvorsitzender des Aphasiker-Zentrums Südwestsachsen in Stollberg. Dort hat die Selbsthilfegruppe ihren Sitz. Pro Monat gibt es mindestens ein Treffen, dazu kommen Aktionen und Bastelnachmittage. Etwa 100 Betroffene verteilen sich auf mehrere Gruppen. Sie berichten einander, wie es ihnen geht - und überwinden so ihre Schamgefühle. Barthold weiß es zu schätzen, dass alle zuhören, wenn einer spricht. Keiner redet dazwischen.

Klingt nach einer angespannten und peinlichen Atmosphäre. Ein Vorurteil, sagt Barthold. Und das führt dazu, dass sich jüngere Menschen oft nicht trauen, zur Gruppe zu stoßen. "Aber bei uns wird kein Trübsal geblasen." Tatsächlich erschöpfen sich die Aktivitäten der Gruppe nicht in Gesprächen. Auch Reisen gehören dazu. Erst gestern sind rund 40 von ihnen von einer viertägigen Ausfahrt aus Erfurt zurückgekehrt. Unter anderem haben sie sich mit Mitgliedern einer Aphasikergruppe aus Meiningen getroffen, um ihnen von ihren Töpferaktivitäten zu berichten, auch Betroffene aus Köln und Bonn waren deshalb nach Erfurt gekommen. "Wir haben Exponate mitgenommen und ihnen erklärt, wie es geht", sagte Barthold gestern. Der absolute Höhepunkt sei aber der Besuch der Oper "Carmen" zu den Domfestspielen gewesen. Dank langfristiger Buchung habe alles gut geklappt, auch die vier Rollstuhlfahrer, die mit waren, hatten gute Plätze, sagte er.

Manni, Margit, Petra und Birgit waren bereit, mit der "Freien Presse" über sich und ihre Probleme zu reden. Ihre Nachnamen wollen sie allerdings nicht in der Zeitung lesen. "Jeder Fall ist einzigartig", erzählt Barthold. Das Ausmaß der Symptome schwankt stark. Manche können laufen, andere sitzen im Rollstuhl. Einige, wie Barthold, können ausgiebig reden, andere, wie Manni, bringen kein Wort heraus. Er schreibt stattdessen. Birgit hat immer eine Karteikarte bei sich. Indem sie auf die Karte zeigt, kann sie ihren Namen mitteilen, ihre Geburtsdatum, ihren Wohnort. Da sie ihre Gedanken nur schwer oder gar nicht aussprechen können, werden die Betroffenen manchmal für geistig behindert gehalten - was besonders verletzend ist. "Denn das Denken ist oft klar, vielleicht etwas verlangsamt", erklärt Barthold.

Margit, früher als Ingenieurin tätig, landete nach drei Schlaganfällen im Rollstuhl, sie ist halbseitig gelähmt. "Ich konnte gar nichts mehr." Doch mithilfe der Gruppe fasste sie neues Selbstvertrauen. "Ich wollte unbedingt wieder lesen und schreiben." Heute kann sie mehr als das. Sie organisiert Aktionen und hält Vorträge darüber, wie man mit einer Hand Kartoffeln schält oder Gemüse schneidet. Überhaupt soll jeder in der Gruppe die Chance bekommen, seine Talente zu zeigen. Eine Frau, erzählt Barthold, kannte sich mit Kräuterkunde aus. Er überredete sie dazu, ihr Wissen auf einer Wanderung zu teilen. Ein ehemaliger Bankdirektor gab den anderen Tipps, wie sie mit Geld umgehen können, ohne in Verwirrung zu geraten.

Petra leidet übrigens nicht unter Aphasie. Aber ihre Freundin Margit nahm sie irgendwann mit, und Petra fühlte sich wohl. Bald lernte sie Manni kennen. Heute sind die beiden ein Paar. (mit vh)

Verlust der Sprache

Das Wort Aphasie stammt vom griechischen "aphasia" ab, was so viel wie Sprachlosigkeit bedeutet. Betroffene können kaum oder nur schlecht sprechen und haben Probleme beim Verstehen von Begriffen und Zusammenhängen. Zudem tun sich schwer beim Lesen oder Schreiben.

Ursache des Sprachverlustes ist in der Regel eine Schädigung der linken Hirnhälfte, wie sie nach Schlaganfällen, Entzündungen oder Unfällen auftreten kann. In 85 Prozent aller Fälle ist ein Schlaganfall der Grund für Aphasie. (pc)

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