Wenn oben die Bahn fährt, spielt unter Tage Messgerät verrückt

Rund 60.000 Exponate zählt die Sammlung des Bergbaumuseums in Oelsnitz, nur ein Bruchteil davon ist in der Ausstellung zu sehen. Nun werden einzelne Stücke aus dem Verborgenen geholt und als "Objekt des Monats" vorgestellt. Im September: Kontrollmeter und Hängezeug.

Oelsnitz.

Im Monat September halten die Arbeitsinstrumente des Markscheiders Einzug in die Vitrine für das "Objekt des Monats", die sich im Treppenhaus des Rundbaus befindet: Kontrollmeter und Hängezeug, bestehend aus Gradbogen, Hängekompass und Maßband.

Der Markscheider ist der "Vermessungsingenieur unter Tage", erklär Museumsmitarbeiter Matthias Hempel. "Er war für die Einhaltung der Abbaugrenzen und das Vermessen der Grube verantwortlich." Das Wort Markscheide hingegen habe einen viel älteren Ursprung: Bereits im Mittelalter bezeichnete es die Grenzen eines Abbaufeldes, indem Bergbau betrieben werden durfte.

Hempel erklärt, wie das Ganze funktionierte: Zunächst wurden entlang des zu vermessenden Abschnitts Messpunkte festgelegt. Beginnend an einem bekannten Vermessungspunkt wurde dafür zwischen diesen straff eine Schnur gezogen. Dann wurden Kompass und Gradbogen nacheinander in diese Schnur eingehängt, um Streichgrad und Neigung zu bestimmen. Zum Schluss wurde mit dem Maßband der Abstand zwischen den beiden Messpunkten ermittelt.

Der Oelsnitzer Manfred Plobner hat Markscheider studiert und 17 Jahre bei "Martin Hoop" in Zwickau gearbeitet. Er weiß, wie man mit Gradbogen und Hängekompass arbeitet - allerdings habe er das nur während des Studiums einmal gemacht, "um es kennenzulernen", wie er sagt. Studiert hat er von 1958 bis 1963. Danach habe er aber ausschließlich mit Theodoliten gearbeitet - optischen Instrumenten mit Fernrohr und Winkelteilung.

Warum? "Der Hängekompass beruht ja auf Magnetismus", erklärt Plobner. Darum sei mit ihm Schluss gewesen, als Eisen und Elektrokabel in die Grube kamen und die Kompassnadel ablenkten. "Fürs Industriezeitalter kein taugliches Instrument", sagt der Oelsnitzer.

Allerdings wurde es, erklärt Matthias Hempel, bis in die 1980er-Jahre überall dort weiter benutzt, wo es möglich war, also kein Metall oder Strom vorhanden waren. Alle Geräte, die man im Museum habe, seien erst zu DDR-Zeiten produziert worden. "Höhlenforscher und Hobbymontanisten nutzen solche Geräte bis heute, da sie einfach zu bedienen und die Ergebnisse völlig ausreichend sind." Denn je exakter ein Gerät sei, umso teuer sei es auch. Und: Unter Tage können Theodoliten nicht uneingeschränkt eingesetzt werden, denn dafür benötigt man Sichtverbindung von einen zum anderen Vermessungspunkt, was nicht immer der Fall sei. Manfred Plobner weiß von einem Fall, der zeigt, wie hochsensibel die Kompasse zum Teil waren: In den 1930er-Jahren habe man auf dem Breitscheidschacht mit einem solchen Gerät arbeiten wollen - und musste dafür über Tage die zwischen Oelsnitz und Hohenstein-Ernstthal verkehrende Überlandbahn abschalten. "Der Strom hat sich tatsächlich auf mehreren hundert Metern Teufe noch ausgewirkt", sagt er.

Museumspädagogin Marion Dittmann hat wie zu jedem Objekt des Monats auch für das Thema Vermessung ein Angebot für Kinder und Jugendliche parat: die Geocachingroute Ziegenparcours. "Die Markscheidegrenzen kann man sich auch als Gebietslinien über Tage vorstellen. Und die Geocachingroute greift einen derartigen Punkt auf und geht auf die Prozessgeschichte ein." So könne man ein Stück Heimatgeschichte auf besondere Weise erkunden, sagt sie und berichtet in diesem Zusammenhang von einer Begebenheit: "Vermessungsarbeiten unter Tage ergaben ja Markscheiden-Grenzen, die entsprechend der Eigentumsverhältnisse auch Abbaugrenzen darstellten. Diese Grenze wurde einmal vom Deutschlandschacht aus überschritten, sodass man sich an den Kohlen der Gewerkschaft Gottes Segen, speziell des Gottes-Hilfe-Schachtes, ,vergriff'." Natürlich sei das herausgekommen. Im Gerichtsprozess habe der zuständige Markscheider den Sachverhalt mit den Worten "Als Deutschlands Not am größten, war Gottes Hilfe am nächsten" zusammengefasst. Dittmann: "Dieser Satz wurde zum geflügelten Wort."

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