Wenn seit Jahrzehnten jede Spur von einem Menschen fehlt

Die Zahl der Vermisstenanzeigen steigt auch im Erzgebirge an. Die Polizei führt für diese Entwicklung vor allem zwei Gründe ins Feld.

Stollberg.

Eine leblose Frau in Stützengrün, ein verschollener Senior in Schneeberg, eine verschwundene Jugendliche aus Burkhardtsdorf: Das sind nur drei von vielen Vermisstenanzeigen, die die Polizei in den vergangenen Monaten veröffentlichte. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Laut Polizei sind im gesamten Direktionsbezirk Chemnitz, zu dem auch der Erzgebirgskreis gehört, im vergangenen Jahr genau 2168 Vermisstenanzeigen bearbeitet worden. Das waren 400 Anzeigen oder fast 23Prozent mehr als im Vorjahr. Noch größter fällt der Anstieg im Vergleich mit 2016 aus. Damals zählte die Polizei lediglich 902 Vermisstenmeldungen.

Einen ähnlichen Trend belegen Zahlen aus dem Erzgebirgskreis. Waren es 2016 genau 107 Anzeigen, sind es zwei Jahre später 552. Doch wie lässt sich das erklären?

Polizeisprecher Andrzej Rydzik macht dafür im Wesentlichen zwei Faktoren verantwortlich. So werden den Ermittlern seit einigen Jahren vermehrt Fälle aus Kinder- und Jugendeinrichtungen gemeldet. "Diese erstatten die Vermisstenanzeigen nun sofort, wenn ihre Schutzbefohlenen nicht innerhalb der durch den Jugendschutz festgesetzten Fristen eintreffen", sagt er. Zum anderen hat es die Polizei immer öfters mit sogenannten unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingenzu tun, die plötzlich abtauchen. "Sie verschwinden des Öfteren aus ihren Betreuungsausrichtungen", erklärt er.

Nach oben verzerren die Statistik auch die "Dauerausreißer", also Jugendliche, die immer wieder aus dem Elternhaus oder dem Kinderheim verschwinden. Sprecher Rydzik sagt deshalb: "Die Statistik bezieht sich reinweg auf aufgenommene Vermisstenanzeigen. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der tatsächlichen Anzahl vermisster Personen." Mancher werde nämlich gleich mehrfach in ein- und demselben Jahr vermisst.

Nach aktuellen Zahlen der Polizei sind etwa 90 Prozent aller Vermissten minderjährig. Bei einer derartigen Anzeige beginnt die Fahndung sofort. In anderen Fällen kann es einige Stunden dauern, bis die Suche beginnt. Sprecher Rydzik erklärt aber: In allen Fällen, in denen eine Gefahr für Leib und Leben vermutet wird, ermittle man ohne Zeitverzug. Das gilt zum Beispiel für einen vermissten Senior, der auf lebenswichtige Medikamente angewiesen ist.

Wie lange es dauert, bis ein Vermisster wieder gefunden wird, variiert von Fall zu Fall. Laut Polizei kehrt der Großteil der Leute in den ersten Tagen zurück. Es gibt allerdings auch einige Anzeigen, die nie aufgeklärt wurden. So fehlt seit 1992von sechs Menschen im Direktionsbezirk Chemnitz jede Spur.

Die bis heute nicht aufgeklärten Anzeigen stammen aus den Jahren 1992, 2000 und 2013; zwei weitere Fälle sind aus dem Jahr 1993. Auch ein aktueller Fall ist unter den ungeklärten: Monika Ihlmann aus Stollberg hatte am 29.Januar vergangenen Jahres ihre Wohnung verlassen - und bis heute weiß niemand, wo sie ist. Auch im Zuge umfangreicher Ermittlungen zu diesem Vermisstenfall habe man bislang keine Anhaltspunkte zu ihrem Verbleib bekommen können, sagt der Polizeisprecher.

Gilt eine Person als langzeitvermisst, ist also länger als sechs Monate nicht auffindbar, wird in der Regel nicht mehr aktiv nach ihr gesucht. "Vielmehr geschieht dies, sobald sich neue Erkenntnisse ergeben", erklärt Andrzej Rydzik.

Doch warum verschwindet jemand von einem Tag auf den anderen? Laut Bundeskriminalamt gibt es dafür unterschiedlichste Gründe. Bei Kindern spiele neben Problemen in der Schule oder mit den Eltern auch Liebeskummer eine Rolle, heißt es. Polizeisprecher Rydzik sagt: "Abenteuerlust und Langeweile sind bei Kindern und Jugendlichen erfahrungsgemäß die häufigste Motivation für ein Verschwinden." Bei älteren Menschen seien es Demenz oder Orientierungslosigkeit.

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