Wie eine Thalheimerin den 9.10.1989 in Leipzig erlebt hat

30 Jahre Mauerfall Vor der Montagsdemo herrschte große Anspannung in der Stadt. Es blieb ruhig. Friedlicher Widerstand. Doch eine junge Frau stand vor einer schweren Zukunft.

Thalheim.

Als Brigitte Fröhner am 9. Oktober 1989 zum Bowling nach Leipzig fährt, ahnt sie nicht, dass sie das Ende eines Staates miterleben wird. Die Thalheimerin ist damals Anfang 30 und arbeitet im Kulturhaus. Zusammen mit ihrer Brigade geht es am frühen Montagmorgen erst nach Chemnitz, dann weiter mit dem Zug nach Leipzig. Herrliches Wetter, gute Stimmung.

Nach dem Bowling machen sich die meisten Kollegen wieder auf den Weg in die Heimat, vor allem "die Genossen", wie Fröhner erzählt. Doch Fröhner und drei Kollgen bleiben in Leipzig. Sie haben gehört, dass eine Montagsdemonstration geplant ist und wollen die Chance nutzen, einmal dabei zu sein. Am frühen Abend nehmen sie vor der Nikolaikirche Platz. Als sich später die Tür öffnet, strömen Massen heraus auf die Straße.


"So was hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen", sagt Fröhner. Die Anspannung in den Tagen vor der Demo war enorm gewesen. Kommandeure hatten angekündigt, notfalls mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vorzugehen. Wasserwerfer und Schützenpanzerwagen standen bereit zum Einsatz. Und Gerüchten zufolge hatten Krankenhäuser zusätzliche Blutkonserven angefordert.

Während der Demo halten sich die Thalheimer allerdings zurück. Fröhner und ihre Kollegen marschieren nicht mitten in der Menge, sie beobachteten den Zug von der Seite. Im Westfernsehen hatte Fröhner von Ausschreitungen bei Montagsdemos gehört. Doch davon ist nichts zu sehen, im Gegenteil, es bleibt friedlich. "Wir sind das Volk", rufen die Menschen. Die vier Thalheimer begleiten die Demo bis zum Bahnhof, und noch am selben Tag fahren sie wieder nach Hause.

Fröhner sagt, sie habe an dem Tag an eine Freundin aus Kindertagen gedacht, die in Wiesbaden wohnte. Sie schickten sich regelmäßig Briefe, aber Besuche waren nicht möglich. Vielleicht würden sich die beiden bald wiedersehen?

So schön Fröhners Ausflug nach Leipzig war, so enttäuscht ist sie 30 Jahre später. Ja, auch Fröhner bezeichnet die DDR als Unrechtsstaat. Doch nach der Wende hatte sie Schwierigkeiten, einen Platz in der neuen Ordnung zu behaupten. Zudem vermisst sie Dinge, die im Sozialismus selbstverständlich waren. Jobsicherheit zum Beispiel. Ihr damaliger Mann verlor kurz nach der Wende seine Stelle. Das Kulturhaus, in dem Brigitte Fröhner gearbeitet hatte, wurde bald abgerissen. Und die Arbeitsagentur habe sie als "nicht vermittelbar" abgestempelt - obwohl sie ausgebildete Elektromonteurin war.

Zuhause rumsitzen wollte Brigitte Fröhner aber nicht. Stattdessen übernahm sie ehrenamtliche Aufgaben, pflegte Gräber auf dem Friedhof, half bei Veranstaltungen, spülte Gläser beim Fußball. 1998 starb ihr Mann. Heute lebt sie von Witwen- und EU-Rente. Ihre Freundin in Wiesbaden hat sie noch immer nicht besucht. Dazu, sagt Fröhner, fehlt ihr das Geld.

Liebe Leserinnen und Leser, welche Erinnerungen und Erlebnisse verknüpfen Sie mit dem 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls? Was hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert? Welche Träume von damals haben sich erfüllt - etwa der Traum von der eigenen Firma, die Reise um die Welt, ein Studium, das vorher versagt blieb? Oder haben sich welche zerschlagen? Vielleicht gibt es dazu auch Fotos, die beispielsweise den Firmenstart 1989 in einer Garage zeigen und 30 Jahre danach die mittlerweile neu errichtete Firma. Aber auch weniger schöne Dinge aus jener Zeit interessieren wie etwa diese sogenannten Kaffeefahrten, nach denen sich viele abgezockt fühlten? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie Ihre Geschichte auf und schicken diese per Post an Freie Presse, Herrenstraße 19 in 09366 Stollberg oder per E-Mail. red.stollberg@freiepresse.de

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1Kommentare
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  • 3
    0
    Erzgebirgsmädel
    24.08.2019

    Klar ist das Leben für manche nicht einfach...aber wenn man wirklich jemand wieder sehen will, dann klappt das in all den Jahren schon mal. Es gibt (oder gab) doch mal preiswerte Tickets der Bahn für das Wochenende oder so...und warum ist die Freundin nicht mal nach Tholm gekommen? Da kann wohl die Freundschaft nicht soooo groß sein...



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