"Wir wussten, worauf wir uns mit Lugau einlassen"

Wie entwickeln sich Ortsteile? Was läuft gut? Wo klemmt es? "Freie Presse" nimmt Dörfer der Region unter die Lupe. Heute: Erlbach-Kirchberg

Erlbach-Kirchberg.

Den Ort für das Treffen haben Jan Kämpf und Peter Mehner ausgesucht: das Badgelände. Warum gerade hier? Kämpf: "Weil das der Dorfmittelpunkt ist." Hier seien nicht nur Badjugend und Naturbadverein aktiv, hier feiere das Dorf. Sieht das auch Peter Mehner so? Der 50-Jährige überlegt kurz. "Ja, Pfingsten kommen wir auch her." Schnell wird klar: Obwohl beide im Lugauer Ortsteil Erlbach-Kirchberg leben, verstehen sie unter "ihrem Dorf" nicht das gleiche.

Denn Peter Mehners Dorf heißt Ursprung, das von Jan Kämpf Erlbach-Kirchberg. Ursprung mit seinen reichlich 600Einwohnern wurde bereits 1999 nach dem damals noch selbstständigen Erlbach-Kirchberg eingemeindet. Aber die Ursprunger sind Ursprunger geblieben, so wie sich die Erlbach-Kirchberger heute, fast sieben Jahre nach der Eingliederung in die Stadt Lugau, nicht als Lugauer sehen. "Man gibt doch deshalb seine Identität nicht auf", sagt Mehner.

Die Stadt sei den Dörfern in dem Sinne aber nie fremd gewesen, so Mehner. "Wir mussten doch schon immer, auch zu DDR-Zeiten, aufs Lugauer Rathaus, weil dort zum Beispiel das Meldewesen war", erklärt er. "Auch Bauämter hatten wir auf den Dörfern nicht", ergänzt Kämpf. Und die Postleitzahl sei schon seit Ewigkeiten dieselbe wie in Lugau. Kämpf: "Und auch mit der Verwaltungsgemeinschaft sind wir mit Lugau nicht schlecht gefahren." Die bildeten die drei Orte im Jahr 1994, später kam noch Niederwürschnitz dazu. "Wir wussten, worauf wir uns mit Lugau einlassen", erklärt Kämpf.

Dennoch beschäftigten sich die Gemeinderäte von Erlbach-Kirchberg bald zwei Jahre mit dem Thema Eingemeindung, stellten eine "Wunschliste" auf, deren Abarbeitung Bestandteil des Eingliederungsvertrages wurde. Sogar beraten ließen sie sich - von Rechtsanwalt Klaus Hardraht, dem ehemalige Innenminister von Sachsen. Von einem Glücksumstand spricht Peter Mehner in diesem Zusammenhang. Ein weiterer sei gewesen, dass die frühere ehrenamtliche Bürgermeisterin die richtige Qualifizierung hatte, um heute als Hauptamtsleiterin in Lugau arbeiten zu können. Wie sieht Alexandra Lorenz-Kuniß, die dafür ihren Job als Rechtsanwältin aufgab, diesen Schritt heute selbst? "Ich habe es grundsätzlich nicht bereut", erklärt sie. "Ich würde als Ortsvorsteherin nicht so viel und so zeitig mitbekommen, beispielsweise über Fördermöglichkeiten, wenn ich nicht unmittelbar in der Verwaltung ansässig wäre."

Auch sie sieht die Eingemeindung rückblickend positiv. "Wäre Erlbach-Kirchberg weiter eigenständig geblieben, wären große Investitionen sicher nicht möglich gewesen." Den Radweg beispielsweise hätte die kleine Gemeinde nur schwer oder gar nicht stemmen können. Genau das war auch der Grund für die Eingemeindung: Es war absehbar, dass der Ort finanziell nicht mehr lange durchhält. Im Gegensatz zur Ursprunger Eingemeindung 1999, die eher zwangsweise erfolgt war, entschieden sich die Erlbach-Kirchberger für die freiwillige Variante, die Mitbestimmung und eine "Hochzeitsprämie" mit sich brachte.

Von einer Hochzeit spricht auch Robert Lasch, Vereinschef der im Juni 2012 gegründeten und heute 71Mitglieder zählenden Badjugend. "Es hat seit der Hochzeit eigentlich gut funktioniert, Erlbach-Kirchberg ist nicht hinten runtergefallen oder abgehängt worden", sagt er. Das sieht auch Lorenz-Kuniß so: "Bei der Abarbeitung der vielfältigen Aufgaben einer Stadt stehen die Ortsteile nicht hinten an." Und: Die Stadt halte auch an den Verwaltungsaußenstellen in beiden Ortsteilen fest und unterstütze die Veranstaltungen in den Ortsteilen.

"Im alltäglichen Leben hat sich für die Ortsteile nicht viel geändert", fügt Lorenz-Kuniß an, und formuliert es ähnlich wie Mehner und Kämpf. Das, was ein Dorf ausmacht, sei geblieben - der Zusammenhalt, die Feste und Feiern, die gegenseitige Hilfe. Die beiden kennen die Probleme und Befindlichkeiten der Dorfbewohner, saßen zunächst in den Gemeinderäten ihrer Orte, später im Ortschaftsrat. Auch heute gehören sie dem Gremium des Ortsteils an, parallel aber auch seit der Eingemeindung dem Stadtrat von Lugau, wo die "Dörfler" bislang immer Gehör fanden, wie sie sagen. "Der Bürgermeister hat sogar Sachen von uns übernommen", sagt Kämpf. So hätten die Feuerwehren der Dörfer einmal im Jahr eine gemeinsame Tanzveranstaltung gemacht. Das habe Thomas Weikert aufgegriffen und lade seit drei Jahren alle drei Wehren zur Dankeschönveranstaltung ein.

Und wo klemmt es im Ort, wo müsste die Stadt aktiv werden? Er habe lange über diese Frage nachgedacht, sagt Kämpf. "Fällt dir was ein, Peter?" "Das schnelle Internet ist ein großes Thema", sagt Mehner. Aber da habe die Stadt ja kaum Einfluss. Auch die Erfüllung eines anderen Wunsches, den beide selbst schon eher als Traum bezeichnen, kann die Stadt wohl nicht erfüllen: "Mal wieder eine Gaststätte im Ort."

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