Wohnen in der "Platte" - viel Lob und ein Wermutstropfen

"Freie Presse" beleuchtet die Vorzüge und Probleme in ausgewählten Wohngebieten der Region. Heute: Das Wohngebiet Sallauminer Straße in Lugau.

Lugau.

Freundinnen sagen, wenn sie den Blick von Familie Klepzigs Balkon Richtung Gebirge schweifen lassen, immer wieder: "Ihr habt es schön." Ja, bestätigt Regina Klepzig, sie fühle sich sehr wohl in ihrer Eigentumswohnung. Auch die Gegend sei bestens, sind sie und ihr Mann Günter sich einig. "Wald, Einkaufszentrum, kompetente Fachgeschäfte, das Kultur- und Freizeitzentrum, die Bibliothek, unser Garten, Ärzte - alles ist in der Nähe", zählt die Seniorin auf. Auch, dass es recht flach ist und man sowohl mit Rollator als auch Handwagen oder Rad überall hinkommt, findet sie gut.

Allerdings hat der tolle Blick aus der 5. Etage für sie auch einen Nachteil: Es führt kein Fahrstuhl hinauf. Als sie ihre 1981 bezogene Mietwohnung 1994 kauften, habe sie durchaus auch schon beschäftigt, wie das mit dem Treppensteigen im Alter wird. "Bis dahin gibt es Aufzüge", habe es geheißen, und sie glaubten es. Damals sei man sehr unwissend gewesen, sagt sie heute, und habe auch nicht geahnt, "wie solche Fahrstühle heute zu Buche schlagen".

Als Wohnungseigentümer müssten sie die Kosten - in ihrem Hauseingang wird von insgesamt etwa 140.000 Euro ausgegangen - selbst schultern. Für das Rentner-Ehepaar nicht zu finanzieren. Allerdings ohne staatliche Fördermittel auch für die Wohnungsgesellschaft Lugau (WGL) nicht, sagt Mitarbeiter Mirko Kämmer. Die WGL besitze in der Plattenbausiedlung 171 Wohnungen, die zu insgesamt drei Eigentümergemeinschaften gehören. In den Häusern leben also Wohnungseigentümer und WGL-Mieter gemischt. Um die Aufzüge komplett bezahlen und dann refinanzieren zu können, müsste die Kaltmiete auf mehr als 10 Euro je Quadratmeter angehoben werden, hatte WGL-Geschäftsführer Heiko Rudolf unlängst vorgerechnet.

Mit 629 gehören die meisten Wohnungen im Plattenbaugebiet der Wohnungsbaugenossenschaft Oelsnitz (WBG), die auch selbst ihren Sitz dort hat. Der Leerstand schwankt laut WBG-Geschäftsführer Falk Siegel zwischen elf und 25Prozent, besonders betroffen: die oberen Stockwerke. Wie Mirko Kämmer erklärt, liegt der Leerstand bei der WGL mit 15 von 171 Wohnungen bei knapp neun Prozent. "Sieben dieser Wohnungen befinden sich im 4. oder 5. Obergeschoss."

Die Ursache für die schlecht vermietbaren Wohnungen sieht Falk Siegel dennoch nicht nur in den fehlenden Aufzügen, sondern auch in monotonen Grundrissen und den kleinen Bädern ohne Fenster. Das sei kein komfortables Wohnen. Zugleich nehme die Zahl der Lugauer künftig aber weiter ab, und damit auch die Zahl potenzieller Mieter. Auch das müsse bei künftigen Investitionen bedacht werden. Einer Quartierstudie zum Ist-Zustand, die die WBG in Auftrag gegeben hat, sollen nun bald Maßnahmen folgen. "Ende September wollen wir diese zunächst unseren Mietern vorstellen", erklärt Siegel, warum er die Konsequenzen aus der Studie noch nicht öffentlich macht. Auf jeden Fall sei es ein Mix aus Maßnahmen. Ja, auch die Möglichkeit des Abrisses habe man im Blick, aber die stehe "ganz hintenan", betont er.

Und wie geht es mit den Nicht-WBG-Häusern weiter? Die Stadt, deren 100-prozentige Tochter die WGL ist, lässt ein Städtebauliches Entwicklungskonzept (Seko) für das Areal erarbeiten, erklärt Bürgermeister Thomas Weikert (Linke). Im Herbst werde dieses Thema im Rat sein. Das Seko sei Voraussetzung für Fördermittel in dem Gebiet. Für die Stadt selbst seien die Oberschule und deren Umfeld das Hauptthema, aber auch die WGL könne dann Sanierungen vorantreiben. Allerdings müssten in den Häusern alle einig sein, auch die Wohnungseigentümer. "Ins Seko-Gebiet eingeschlossen sind auch das Freibad und der Garagenhof", ergänzt er, sodass in Letzterem in Richtung Beleuchtung und Wegebau etwas passieren könnte. Das freut Klepzigs, die dort eine Garage gepachtet haben und die die Dunkelheit stört. Regina Klepzig hat ebenfalls gerade erst im Gespräch mit Weikert ("Er hat für Bürgeranliegen immer ein offenes Ohr und nimmt sich auch Zeit dafür.") erfahren, dass etwas gegen das nachts stockfinstere Areal getan werden soll.

Auch Bernd Franke hat eine Garage dort, obwohl er ganz am anderen Ende des Gebietes in einer Eigentumswohnung wohnt. Wie Klepzig lobt Franke die Einkaufsmöglichkeiten und den Wald in der Nähe. Der fehlende Fahrstuhl stört ihn nicht, obwohl er ebenfalls in der 5. Etage wohnt. Aber er kritisiert den Blick auf die marode "Schraube". Auch das Schraube-Areal wird im Seko liegen, erklärt Weikert, der private Eigentümer könnte also Zuschüsse beantragen. Allerdings, schränkt er ein: Er muss auch die Eigenmittel aufbringen können.

Ein anderes Problem, das sowohl Franke als auch der im Gebiet in einer WBG-Wohnung lebende André Carlowitz sehen, ist der fehlende Fußgängerübergang vom Wohngebiet zum Einkaufszentrum über die vielbefahrene Chemnitzer Straße. Das beschäftigt auch die Stadt, die deshalb seit Jahren auf das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) Druck macht, die für die Straße zuständig ist. Wie Bauamtsleiterin Anja Krumbholz nach Rücksprache mit dem Planungsbüro jetzt sagte, wird voraussichtlich bis Mitte September das Genehmigungsverfahren angeschoben. Wenn dies durch sei, müssten die Finanzierung geklärt und beispielsweise Fördermittel beantragt werden.

In einem Punkt sind sich alle Angesprochenen einig: Klepzigs, Bernd Franke und auch André Carlowitz sehen keinen Grund, aus der "Platte" wegzuziehen. Zumal Carlowitz, der seit 1997 hier lebt, gerade erst umgezogen ist: vom 6. in den 2. Stock.

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.