Zum Konzert rollt er einfach im Rollstuhl

Thomas Ackermann gehört zur Oelsnitzer Selbsthilfegruppe für Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind. Doch der Mann hat gelernt, sein Leben zu meistern und nicht zu jammern. Wie alle in der Gruppe.

Oelsnitz.

Eine Domina schwingt die Peitsche. Vor ihr sitzt ein kleiner Rollstuhlfahrer. Er fleht: "MS! Nicht SM!" Es gibt halt einen Unterschied zwischen Multipler Sklerose und Sado-Maso. Über die Cartoons von Phil Hubbe kann Thomas Ackermann köstlich lachen. Die beiden Männer kennen sich nicht. Aber beide haben MS. Der Zeichner aus Magdeburg. Und der ehemalige Koch, der zur Oelsnitzer Selbsthilfegruppe Atempause gehört.

"Hubbe ist köstlich. Denn er zeigt, wir sind auch Menschen, die über sich und andere lachen können. Die das Leben annehmen." Das war nicht immer so. Es gab Monate, in denen Thomas Ackermann mit seinem Leben haderte. Als die Diagnose vor zehn Jahren wie ein Hammer auf den damals 28-Jährigen einschlug. "Ich bin doch viel zu jung für diesen Scheiß", habe er damals zu sich gesagt. Dann lichtete sich der Freundeskreis. Und die Arbeit war auch vorbei. "Ich hatte mich gerade zum ersten Koch auf der Aida hochgearbeitet. Ich koche nämlich sehr gerne. Aber mit MS stellt mich niemand mehr ein. Selbst als Küchenhilfe schaffe ich vieles nicht alleine."

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Entzündungen in Gehirn und Rückenmark zerstören Nervenfasern. Dabei schädigen Abwehrzellen, die sonst fremde Erreger oder Stoffe angreifen, körpereigenes Gewebe.

Heute kocht Ackermann ab und zu für die 20-köpfige Selbsthilfegruppe. "Eine tolle Truppe." Anfangs wurde er gewarnt, dass in solchen Runden nur gejammert werde und dass dies andere mit in den seelischen Abgrund ziehe. "Aber das ist nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil. Ich bin dort so gerne", so der 38-Jährige. Er ist Erwerbsunfähigkeits-Rentner, bezieht nicht viel Geld, und hat nicht so viel Zeit, wie manch einer denkt. "Ich habe ja vier Mal die Woche Ergotherapie, muss mich um meinen Haushalt kümmern." Und: Er brauche für jede Tätigkeit einfach viel mehr Zeit als gesunde Menschen. "Einfach mal fix einkaufen geht bei mir nicht."

Und er hat ja auch eine Freundin, für die er Zeit haben muss und will. Die mag vor allem Heavy Metal, er hat sie bei der Ergotherapie kennengelernt. "Eines Tages habe ich nach einem Date gefragt, sie hatte mich bei Facebook gesucht. Dann gab es irgendwann den ersten Kuss." Thomas Ackermann sagt, er habe vorher viele Körbe von vielen Frauen bekommen. Wegen MS? Ja, wegen MS. Seiner jetzigen Freundin ist sein Handicap egal. Das muss Liebe sein. Thomas Ackermann räuspert sich. "Ja, das ist es. Und ich gehe gerne mit ihr mit zu Konzerten. Da leihe ich mir einen Rollstuhl aus." Normalerweise schafft er Wege mit Krücken.

Diese Wege können manchmal lang und weit sein. Zweimal war er schon in Florida. Zweimal hatte er genug zusammengespart für den Flug. Ein Freund von ihm hat dort ein Haus, der Makler hat auch MS. Der hat vom Klima dort geschwärmt. "Das kann ich nur bestätigen. Das Wetter dort tut mir wirklich gut. Und die Amerikaner haben ein spürbar besseres Verhältnis zu Behinderten. Das ist wohltuend." Nur das Kochen, das fehlt ihm. Aber er sieht auch ein, dass es keinen Sinn macht, sich was vorzumachen. "Es ist glatt in einer Küche. Es muss viel und schnell hin und her gegangen, mit heißen Gerichten umgegangen, viel getragen werden. Das kann ich nicht mehr machen." Aber er sagt eben auch: Das kann es noch lange nicht gewesen sein. Er hat recht. Heilen lässt sich MS zurzeit zwar (noch) nicht. Man kann jedoch ihr Fortschreiten verlangsamen, die Intensität der Schübe mindern, viel Lebensqualität erreichen. Und deshalb genießt Thomas Ackermann das Leben, sein Leben, wie es nun mal ist. "Ich bin ja erst 38. Und ich bin nun schon länger Rentner als ich Koch war." Er grinst. Klingt ein wenig nach Phil Hubbe. Vielleicht sollte er ihn mal anrufen. Neue Freunde kann man immer gebrauchen.


Zahlen und Fakten zur Selbsthilfegruppe Atempause

Gründung: 18. November 2003. "Die Stimmung ist überwiegend lebensbejahend und unternehmungslustig und beeinflusst alle Betroffenen positiv. Die Mitgliederzahl steigt tendenziell", sagt Sprecherin Kerstin Selbmann.

Fördermittel 2018: vom Land Sachsen: 264,44 Euro, Gemeinschaftsförderung der Krankenkassen: 850 Euro, vom Erzgebirgskreis 33,06 Euro, private Spenden: 50 Euro.

Aktivitäten: "Mit Eigeninitiative hat die aus reichlich 20 Mitgliedern bestehende Selbsthilfegruppe im Jahr 2017 ein abwechslungsreiches Programm organisiert", so Selbmann.

Die Sprecherin der Gruppe nennt Beispiele: "Gemeinsames Kochen unter Anleitung unseres gruppeneigenen Kochs Thomas Ackermann, Basteln in der Hobbyscheune sowie Kinobesuche. Als Mutprobe kann man das jährliche Therapie-Reiten unter Anleitung einer in Richtung Hippotherapie spezialisierten Physiotherapeutin unserer Gruppe bezeichnen." Die Mitglieder hätten sich das Thema Cannabis in der MS-Therapie angeschaut und einen Kräuterkurs im Hagazussa-Kräutergarten besucht. "Höhepunkt ist unser Ausflug, diesmal ins Hygienemuseum Dresden. Und eine Weihnachtsfeier gehört zu jedem Jahresende." (joe)

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