Abstellgleis von Le Mans erweist sich als Fundgrube

Auf eine gemeinsame Ausstellung müssen die Modellbahner aus Zschopau und ihrem französischen Partnerverein vorerst verzichten. Dafür widmen sie sich alter Technik.

Zschopau.

Schienen gibt es weiterhin keine, doch zumindest gefühlt sollen Eisenbahn-Fans bald mit 300 Kilometern pro Stunde durchs Zschopauer Bebel-Gebiet rasen können. Und das auch noch mit einem besonderen Hochgeschwindigkeitszug, denn bei dem TGV (Train à grande Vitesse) handelt es sich um die französische Version eines Intercity-Express (ICE).

Trotz des immensen Tempos wirkt der Führerstand, den die Zschopauer Modelleisenbahn- und Eisenbahnfreunde gerade in ihren Vereinsräumen im Schützenhaus herrichten, fast schon etwas altertümlich. "Dieser TGV wurde 1983 gebaut und war 30 Jahre lang im Einsatz", erklärt der Vereinsvorsitzende Mirko Caspar. Eigentlich sollte die Anlage sogar schon verschrottet werden, was sich für die Zschopauer allerdings als Glücksfall erwies. Denn nur so konnten sie 2015 bei einem Ausflug nach Le Mans die Gelegenheit beim Schopfe packen und den Führerstand ausbauen. Buchstäblich vom Abstellgleis haben die Zschopauer das historische Objekt samt einiger Sitze aus angehängten Waggons zu sich ins Erzgebirge geholt, wo der größte Teil des seltenen Materials bislang aber nur vor sich hin schlummerte. "Für solche Arbeiten fehlt im normalen Alltag die Zeit", sagt Caspar. Doch so bitter die Corona-Pandemie mit all ihren Einschränkungen samt Kurzarbeit auch ist: Für die Modellbahner hatte sie auch eine positive Seite, denn nun konnten sie den TGV-Führerstand endlich zu neuem Leben erwecken. Zugleich stellte diese Arbeit Ersatz und Trost für die "Große Modellbahnschau des Erzgebirges" in Aue dar, bei der die Zschopauer eigentlich zusammen mit ihren Freunden aus Frankreich ihre Modellbahnen präsentieren wollten. Statt des gemeinsamen Auftritts "feilen wir nun an einem anderen Gemeinschaftsprojekt", sagt Caspar mit stolzem Blick auf den TGV-Führerstand.

Zusammen mit vier weiteren Vereinsmitgliedern hat sich der 39-jährige Vorsitzende schon um viele Details gekümmert. Viele der zahlreichen Schalter sollen bald tatsächlich wieder etwas bewirken. Dank 1000 kleiner Glühbirnen und der dazugehörigen Diaprojektoren leuchten bereits einige Zahlen hinter dem 70 Kilogramm schweren Fahrstufenwahlschalter. "Insgesamt werden zehn Elemente ,bespaßt'", sagt Caspar, der den Tacho dabei als besonderen Höhepunkt hervorhebt. Um die darauf angezeigten 300 Kilometer pro Stunde auch wirken zu lassen, wird der Führerstand an eine Computersimulation gekoppelt. Zwar verursacht das doppelten Aufwand, doch scheint damit auch doppelter Fahrspaß garantiert. Bald schon soll auf einem großen Bildschirm die imaginäre TGV-Fahrt zum Erlebnis werden.

Ebenso eifrig wie die Zschopauer ist auch einer ihrer Freunde aus dem französischen Partnerverein am Basteln. David Bertin, der als französischer Lokführer auch TGV fährt und vor fünf Jahren in Le Mens den entscheidenden Tipp gab, beschäftigt sich seinerseits mit alter Technik aus Zschopau. "Er baut gerade eine MZ TS neu auf. Die ersten Startversuche waren vielversprechend", berichtet Caspar. Er ist guter Dinge, dass es in zwei Jahren zum Happy-End kommt. Denn dann wird nicht nur die Große Modellbahnschau in Aue nachgeholt. "Wir feiern 2022 ja auch 100 Jahre DKW/MZ", sagt Caspar. Er kann es kaum erwarten, David Bertin dann mit seiner restaurierten MZ bei der Gleichmäßigkeitsfahrt in Zschopau zu erleben. Und natürlich soll der Franzose auch den TGV bei seiner imaginären Fahrt durchs Bebel-Gebiet steuern.

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