Altes Werk beendet die Weihnachtszeit

In Zöblitz und Pobershau erklingt Musik von Johann Friedrich Reichardt. Auch Matthias Claudius hat seine Hände im Spiel.

Zöblitz/Pobershau.

Im Erzgebirge ticken die Uhren manchmal etwas anders. Wenn anderswo schon fast die Osterhasen herausgeholt werden, leuchtet in vielen Fenstern der Häuser in der Region noch der Weihnachtsschmuck. "Bis Lichtmess", lautet dann die Antwort auf die Frage, wie lange noch Weihnachtssterne und -bäume in voller Pracht zu sehen sind. In Zöblitz und Pobershau bekommt das Ende der Weihnachtszeit diesmal einen ganz besonderen Klang, denn in den Kirchen wird zu Lichtmess die Weihnachtskantilene aufgeführt.

Diese Kantilene, auf deutsch "Liedchen", schrieb Johann Friedrich Reichardt entweder 1784 oder 1785, da ist sich die Forschung uneins. Grundlage war ein von Matthias Claudius, dem Schöpfer des Liedes "Der Mond ist aufgegangen", zusammengestellter Text. Dieser hat als Kernaussage die Weihnachtsbotschaft. In der Fachliteratur wird die Weihnachtskantilene als Rarität der ausgehenden Klassik und der beginnenden Romantik bezeichnet.

Vor etwas mehr als 58 Jahren, am 5. Dezember 1961, erklang das Werk in der Gelenauer Kirche. Gehört hatten es damals nicht nur die Besucher im Gotteshaus, es wurde von Radio DDR aufgenommen und übertragen. Erhalten geblieben ist eine Eintrittskarte für die Rundfunkaufnahme, auf der auch die Aufführenden verzeichnet sind. "Bearbeitet und instrumentiert von Dieter Werner", ist darauf gedruckt. "Mein Vater hatte einen Klavierauszug dieser Kantilene in der Staatsbibliothek Berlin entdeckt. Ob er genau nach diesen Noten gesucht hatte, weiß ich nicht mehr", sagt Dieter Werner. Und dieser Dieter Werner, damals Student der Kirchenmusik und der Pharmazie, erstellte nach dem Klavierauszug die Noten für das ganze Stück. Vielleicht vier Wochen habe er dafür benötigt, sagt der heute 81-Jährige, dem beim Räumen auf dem Dachboden seine Noten von damals zwischen die Finger kamen.

"Mein Vater war damals Pfarrer in Herold, dem Nachbarort von Gelenau. So kam die Verbindung mit dem damaligen Gelenauer Kantor Erhard Anger, einem bekannten Kirchenmusiker und -komponisten, zustande", erinnert sich Dieter Werner.

Nachdem er seine akribisch in Schönschrift geschriebenen Noten ("schließlich mussten die ja von anderen gelesen werden können") wiedergefunden hatte, verständigte er die Zöblitzer Kantorin Elisabeth Rohloff. "Das Werk haben wir in den vergangenen Monaten einstudiert. Nach Weihnachten sind noch die Kurrenden dazu gekommen", erzählt Elisabeth Rohloff, die beide Aufführungen leiten wird. Es sei kein Bach-Werk, sagt die Kirchenmusikerin. Sie meint aber, dass es seine Wirkung nicht verfehlen wird.

Die Weihnachtskantilene wird am heutigen Samstag, 17 Uhr, in der Kirche Pobershau und am Sonntag, 10 Uhr, in der Kirche Zöblitz aufgeführt. Es musizieren unter anderem die Kantoreien Pobershau, Zöblitz sowie das Ensemble Musicra Sacra Chemnitz.


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