Auf dem Boden geblieben

Wo andere bloß drüber laufen, dafür entwickelt Gerd Kleditzsch Leidenschaft. Er ist Parkettbauer und sorgt ab nächster Woche dafür, dass die Besucher in einem berühmten Gebäude Sachsens wieder ordentlichen Grund unter den Füßen haben.

Pockau.

Die Werkstatt von Gerd Kleditzsch steht beinahe versteckt im Hinterhof des Wohnhauses in Pockau. Nur eine schmale Straße führt dorthin, der weitläufige Garten ist gleich nebenan. Hier ist es gediegen. Der Geruch von frischen Sägespänen liegt in der Luft, und überall findet sich der Werkstoff, mit dem Kleditzsch und seine vier Mitarbeiter Fußböden in ganz Sachsen und darüber hinaus veredeln: Holz. Neben Rohmaterial verschiedener Stärken und Arten in langen Brettern aufeinandergestapelt liegen fertig bearbeitete Parkettstücke - jene Fußbodenart, die schon im Mittelalter in Europa bekannt war und heute trotz Teppichbelag, PVC und Fliesen immer noch hoch im Kurs steht.

"Parkett ist kein preiswerter Fußboden", sagt Kleditzsch. "Aber er ist hochwertig." Und vor allem nachhaltig. Das weiß der 52-Jährige aus eigener Erfahrung. Denn neben der Parkettfertigung ist er auch als Restaurator für Holzfußböden tätig. Vom Freistaat, Landkreisen, Kommunen oder Privatpersonen beauftragt, ist Kleditzsch mitunter in historischen Herrenhäusern und Anlagen zugegen, um alte Parkettböden wieder herzurichten. Unter anderem im Barockschloss Rammenau bei Bautzen, der Festung Königstein und Schloss Hornow bei Cottbus war er mit seinen Mitarbeitern tätig. Keine einfache Aufgabe, erklärt der Handwerker: "Ein Restaurierungsplan wird erarbeitet, in dem genau festgehalten ist, was verändert werden darf, und was nicht."

Kleditzsch arbeitet oft mit dem sächsischen Landesamt für Denkmalpflege zusammen. Vieles muss nach originalem Vorbild erhalten werden - vor allem die zumeist feinen Muster im Holz. Mitunter nutzt er dafür historische Pläne und Zeichnungen und fertigt in der Pockauer Werkstatt neue Parketttafeln, wenn alte entfernt werden müssen. Das älteste Bauwerk, an dem Kleditzsch gearbeitet hat, war ein Wohnhaus am Schneeberger Markt. "Das Holz für den Dielenboden ist im Jahr 1717 gefällt worden", sagt er.

Ganz so alt ist das Bauwerk seines kommenden Projekts zwar nicht, dafür aber um einiges berühmter: die Semperoper in Dresden. Dort werden die Pockauer nächste Woche das Parkett im Rundfoyer erneuern. Die 2500 einzelnen Tafeln wurden seit Mai zuhause in der Werkstatt gefertigt und liegen nun dort bereit, um in Dresden eingebaut und geschliffen zu werden - 320 Quadratmeter, Tafelparkett mit einer Deckschicht aus Eichenholz. Rund vier Wochen werden die Handwerker für den Einbau brauchen. Gleich im Anschluss geht es in den kleinen Ballsaal des Dresdner Schlosses. Dort verlegen die Erzgebirger noch einmal 130 Quadratmeter Tafelparkett, ebenfalls selbst hergestellt.

Insgesamt produzieren Kleditzsch und seine Leute rund 1000 Quadratmeter Parkettboden im Jahr. "Es können aber auch mal 500 oder 2000 sein", so der Pockauer. Das sei je nach Art der Aufträge und Kundenwünsche unterschiedlich. Etwa die Hälfte eines Jahres wird in der Werkstatt produziert, die andere Hälfte sind die Handwerker unterwegs, um einzubauen, zu restaurieren oder Oberflächen zu behandeln, wozu Schleifen, Versiegeln, Ölen und Bürsten gehören. Es muss aber nicht immer historisch und edel sein. Auch der Boden der kommunalen Turnhalle ist beispielsweise im Portfolio der Pockauer. In der Zschopauer Nexö-Schule und am Gymnasium haben sie schon Fußböden verlegt. Hinzu kommen Aufträge von Privatleuten, die Parkett wieder vermehrt nachfragten. "Die Natürlichkeit des Materials wird geschätzt", sagt Kleditzsch.

Das trifft auch auf den Parkettleger selbst zu - Holz ist sein Lieblingselement. Der gelernte Drechsler kennt den Werkstoff schon von klein auf. Sein Vater hatte früher in jener Werkstatt als Böttcher gearbeitet. Dort hat Gerd Kleditzsch nach Lehre und Weiterbildung schließlich mitgearbeitet und unter anderem Schöpfeimer für die Sauna, Weinfässer und Pflanzenkübel gefertigt. Bis zur politischen Wende. "Dann brach das Geschäft weg und ich habe mir etwas Anderes überlegen müssen", so Kleditzsch.

Er kam auf das Thema Parkett und lernte in München diese Kunst kennen: rechteckige Stücke, die im Fischgrätmuster aneinandergesetzt werden. Oder Tafeln mit besonders aufwendigen Intarsien, Friesen und Bordüren, bei denen das Muster aus einem Stück (Grund) ausgeschnitten und Holz eines anderen (Einlage) darin eingearbeitet wird. Es gab viel zu lernen: Wie wird geschnitten, geklebt und zusammengesetzt? Kleditzsch erwarb Meister- und Restauratorentitel, sattelte 1997 den väterlichen Betrieb um und hatte von da an sein eigenes Geschäft, in dem er auch ausbildet - zwei Bundessieger im Parkettlegen hat seine Werkstatt schon hervorgebracht, einer davon wurde auch Europasieger.

Die Leidenschaft für das Thema Parkett brachte Kleditzsch so weit, dass er heute als Sachverständiger der Chemnitzer Handwerkskammer bestellt ist und als Experte Einschätzungen gibt, auch bei Streitfällen vor Gericht. Dass sein Faible für Holz auch über die Arbeit hinausgeht, zeigt der Blick in sein Büro. Dort sind Millionen Jahre alte versteinerte Hölzer zu sehen, die er bei Mineralienbörsen erworben hat. Eine Scheibe eines solchen Uraltstamms hat er kunstvoll zu einem Parkettstück verarbeitet und damit seinem Lieblingsbaum ein kleines Denkmal gesetzt - der Eiche.


Flechten, Gräten, Mosaike

Es gibt zahlreiche verschiedene Variationen von Parkett. Unterschieden werden nicht nur die Art der Stücke (unter anderem Stab-, Lam- oder Mosaikparkett) sondern auch Muster, nach denen diese verlegt werden. So gibt es neben der Fischgrät-Form auch den Flechtboden, bei dem die rechteckigen Tafeln rechtwinklig zueinander stehen, und den Leiterboden. Zudem gibt es Mehrschichtparkett, bei dem die Schichten aufeinandergeklebt sind. Das oft mit Mustern versehene Tafelparkett gilt wegen seiner Komplexität als Königsklasse. Großformatige Böden mit langen, massiven Brettern werden als Dielenböden bezeichnet. (svw)

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