"Aufgrund des Leerstands wäre Rückbau eine sinnvolle Lösung"

Stadtplaner Tom Arnold erläutert die Umgestaltungspläne für das Zschopauer August-Bebel-Wohngebiet

Zschopau.

Zunächst schien sich kaum jemand für die Vorhaben zu interessieren, mit denen das Zschopauer August-Bebel-Wohngebiet aufgewertet werden soll. Als Oberbürgermeister Arne Sigmund und der von der Stadt beauftragte Stadtplaner Tom Arnold von der Gesellschaft für Stadt- und Landentwicklung (GSL Sachsen/ Thüringen) das Konzept vorstellten, kamen nur acht Einwohner. Ein möglicher Rückbau von Wohnblöcken, der dabei angesprochen wurde, verursachte erst hinterher Wirbel. Besorgte Bürger fragten bei ihren Vermietern nach. Im Gespräch mit Andreas Bauer erläutert Arnold, was es mit dem Konzept genau auf sich hat. Dabei weist der 32-Jährige auf die vielen leeren Wohnungen sowie die Rolle der Eigentümer hin.

"Freie Presse": Im Zuge der Aufwertungsmaßnahmen war von einem möglichen Rückbau die Rede. Wohnblöcke könnten zumindest teilweise verschwinden. Ist das nur ein Gedankenspiel oder ein konkreter Plan?

Tom Arnold: Stand Juni 2019 betrug der Leerstand im Bebel-Gebiet 21 Prozent. Aufgrund der negativen demografischen Entwicklung ist die Bevölkerung dort seit 1990 um etwa 60 Prozent zurückgegangen. Prognosen sagen bis 2030 weitere Verluste voraus. Damit uns dieses Problem nicht über den Kopf wächst, haben wir im Fördergebietskonzept entsprechende Optionen eingearbeitet. Aufgrund des Leerstandes wäre Rückbau eine sinnvolle Lösung. Mit den Wohnungseigentümern, der Wohnungsbaugesellschaft Zschopau sowie den Wohnungsgenossenschaften Zschopau und Zschopautal, haben wir uns dazu über ein Jahr lang beraten und bestimmte Objekte benannt. Ob die Gebäude zwischen 2025 und 2027 dann tatsächlich zurückgebaut werden, ist eine Entscheidung der Eigentümer und hängt von deren Zielsetzung ab.

Welche Objekte kommen dafür infrage und warum?

Für das Jahr 2025 kommt der Greßlerweg 5 bis 7 in Betracht. 2026 könnten der Launer Ring 25 bis 33 und 30 bis 34 betroffen sein. Im Jahr darauf ist der Petermannweg 5 bis 8 angedacht. Ausschlaggebend waren der dortige Leerstand, der über dem Schnitt liegt und bis zu 66 Prozent pro Eingang beträgt, sowie die Lage. Die Blöcke befinden sich in zweiter Reihe, bieten aufgrund der dichten Bebauung eine schlechte Sicht ins Umland und haben nur schlechte Belichtungsverhältnisse. 2026 sollen die Faktoren Leerstand, Demografie und Nachfrage nach Wohnraum erneut auf den Prüfstand kommen.

Liegen schon jetzt konkrete Prognosen vor?

Die sechste Regionalisierte Bevölkerungsprognose sagt für Zschopau in Bezug auf 2017 einen weiteren Bevölkerungsrückgang von knapp elf Prozent bis 2030 voraus. Damit würde die Einwohnerzahl von rund 9100 auf etwa 8100 sinken. Hinzu kommt im Bebel-Gebiet die Altersstruktur: 39 Prozent der Bewohner sind 60 Jahre oder älter, die Geburtenrate ist gering. Aber solche Schrumpfungsprozesse, die es bundesweit und auch in Großstädten wie Chemnitz gibt, müssen nicht negativ sein. Die spannende Frage ist, wie man diese Prozesse begleitet.

Was für Vorteile bringt ein (teilweiser) Rückbau mit sich?

Freie Flächen, die durch den Rückbau entstehen, können für Bepflanzungen und Spielplätze oder als Treffpunkte genutzt werden. Der Rückbau, der bereits zwischen 2002 und 2012 im Bebel-Gebiet erfolgte, bietet dafür gute Beispiele. Genau wie die neu entstandene Schwimmhalle, die von vielen Einwohnern gelobt wird. Hinzu kommt die Verbesserung der Wohnbedingungen durch mehr Licht und einen besseren Ausblick. Weniger Leerstand hat zudem eine positivere Wahrnehmung des Wohnviertels zur Folge.

Gibt es auch negative Aspekte?

Oft wird so etwas skeptisch gesehen, weil damit für viele Menschen ein Stück Heimat verschwindet. Veränderung ist immer etwas, das man kritisch betrachtet. Aber ich empfinde die Chancen, die sich dadurch für die gesamte Stadt ergeben, als deutlich wichtiger.

Alternativ könnte über eine andere Nutzung der Wohnflächen nachgedacht werden, oder?

Wie von den Eigentümern schon umgesetzt, könnten Wohneinheiten zu Arztpraxen oder Gewerbeflächen umgewandelt werden. Wohnungen lassen sich zu großen, familiengerechten Wohneinheiten zusammenlegen. Denkbar sind zudem altersgerechte Wohnungen, die es auch schon gibt. Aber durch eine Umwidmung lässt sich dem Leerstand in aktuell 214 Wohneinheiten nur in gewissem Maße entgegenwirken. Außerdem sollte man nicht vergessen: Rückbau bedeutet ja nicht zwangsläufig Komplettabriss, sondern auch die Verminderung der Geschossanzahl oder den segmentweisen Teilrückbau. Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen für eine geordnete städtebauliche Entwicklung zu schaffen. Mit dem Fördergebietskonzept und der Benennung von möglichen Rückbauobjekten bieten wir Rahmenbedingungen an. Über die Realisierung entscheiden dann aber allein die Eigentümer.

Was ist bei der Umsetzung der Pläne der nächste Schritt?

Das Fördergebietskonzept kommt bei der Sitzung des Stadtrates im Februar zur Abstimmung. Fällt diese positiv aus, dann können mit diesem Konzept Fördermittel beantragt werden. Zum einen für die Aufwertungsmaßnahmen, die Straßen, Beleuchtung und Grünflächen betreffen, und zum anderen für den Rückbau. Nötig dafür ist aber wie gesagt das Einverständnis der Eigentümer, mit denen wir uns in einem ständigen Austausch befinden.

Kann auch die Bevölkerung selbst Einfluss nehmen?

Einwohner können sich immer einbringen, zum Beispiel während der Bürgerfragestunde im Stadtrat. Außerdem hatten wir im November ja zu einem Workshop eingeladen. Wir betrachten die Problematik schließlich nur aus planerischer Sicht. Die Bewohner selbst wissen am besten, wo es klemmt, was fehlt und wo es Sorgen gibt.

Von rund 1500 Einwohnern im Gebiet kamen nur 20 zum Workshop. Waren Sie enttäuscht?

Ich hätte mir mehr gewünscht, aber es hat trotzdem eine gute Diskussion mit regem Austausch gegeben. Viele Anregungen haben wir in das Konzept einfließen lassen. anr

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