CDU-Politiker machen Ost-West-Tausch

Die beiden Bundestags- abgeordneten Peter Weiß und Alexander Krauß haben jetzt für kurze Zeit die Wahlkreise gewechselt. Sie wollten wissen, was die Menschen im anderen Teil des Landes 30 Jahre nach dem Mauerfall bewegt. Dabei zeigten sich viele Gemeinsamkeiten - aber auch einige Unterschiede.

Schneeberg/Emmendingen.

Meist ist es Peter Weiß, der sich den Fragen stellen muss. Als Mitglied des Deutschen Bundestages ist der CDU-Politiker Ansprechpartner für Bürger seines Wahlkreises Emmendingen-Lahr im Breisgau. Doch zwei Tage lang war es nun der 63-Jährige selbst, der bei Gesprächspartnern immer wieder nachhakte. Kein Wunder, schließlich war er zum ersten Mal im Erzgebirge unterwegs und erlebte die Region hautnah.

Mit seinem Parteikollegen Alexander Krauß aus Schneeberg tauschte Weiß in dieser Woche zwei Tage lang den Wahlkreis. Probleme, die Menschen zu verstehen, hatte der Baden-Württemberger keine. Einerseits, weil er den sächsischen Dialekt von einigen Zugezogenen im Breisgau kennt. Vor allem aber, weil er die Schilderungen und Sorgen seiner Gesprächspartner gut nachvollziehen konnte. So wie im Fall von Andreas Weisbach. "Es geht um Garantien. Da kann man sich doch nicht nur auf Aktien verlassen", sagte der Versicherungsmakler aus Annaberg in Anspielung auf die private Altersvorsorge. Weil die staatliche Rente vielen nicht ausreicht, müsse etwas passieren. "Das System ist zu kompliziert", fand auch Weiß: "Wir bräuchten einfachere Produkte." Einen Vorschlag hatte der Politiker gleich auch noch parat: "Ein Teil des Kindergeldes könnte ja dafür verwendet werden." Vorsorge kann dann schon im Babyalter beginnen.

An der nächsten Station geht es nicht um Zukunft, nur um Gegenwart. Es ist die Annaberger Tafel. Etwa 240 gemeldete Bedarfsgemeinschaften - darunter sozial schwache Familien ebenso wie Flüchtlinge - holen sich hier vieles, was sie zum Leben brauchen. Und diesmal nahmen sie Brot, Quark und Wurst aus den Händen von Peter Weiß in Empfang. Der 63-Jährige zeigte sich gerührt von der Dankbarkeit der Kunden - und vom Engagement Mike Schönfelders, der für den Malteser Hilfsdienst die Tafel leitet und sich auch um andere soziale Projekte wie ein ambulantes Hospiz kümmert. Dabei packen viele Ehrenamtler mit an, die selbst in schwierigen Situationen sind. "Sie wollen Aufgaben", erklärte Schönfelder. Ein Langzeitarbeitsloser ist dabei in Wiedereingliederung. "Mit Lohnzuschuss über fünf Jahre und einem Coach", ergänzte Peter Weiß, der solche Initiativen von Tafeln in seiner eigenen Heimat zu schätzen weiß.

Eines ist der 63-Jährige dagegen aus dem Breisgau nicht gewohnt: "Es ist wirklich faszinierend, wie im Erzgebirge die Bergmannstradition gepflegt wird." Weiß war bei seinem Besuch mit Kumpeln der Bergsicherung Schneeberg in einen Schacht eingefahren. Auch einen Eindruck von den Weihnachtstraditionen der Region erhielt der CDU-Politiker - in der Huss-Räucherkerzenherstellung in Neudorf. Ebenso besuchte er dort die Huss Maschinenbau GmbH. Dabei bestätigte sich sein Eindruck, dass die Entwicklung im Kreis "in die richtige Richtung geht". Vom Zustand der Straßen bis hin zur Situation am Arbeitsmarkt gab es für Peter Weiß nur positive Eindrücke. 30 Jahre nach dem Mauerfall sei er "nicht auf einen Ost-West-Konflikt gestoßen". Das Gegenteil sei der Fall: "Es gleicht sich an."

Beim Besuch in Baden-Württemberg konnte Alexander Krauß aber Unterschiede feststellen: "Hier, hat man das Gefühl, ist die Welt noch in Ordnung." Das Kompliment hört Philipp Saar gern, der Bürgermeister von Haslach. Sein schmuckes Städtchen im Kinzigtal war einst wohlhabend geworden durch Markt und Silberbergbau. Falls es Konflikte gibt, dann darum, ob die Verwaltung drei Platanen vor der Stadthalle absägen darf, um den Platz neu zu gestalten. Oder darum, wo sie neue Wohnungen baut für Zuzügler. "Wohl dem, der solche Probleme hat", so Krauß und schaut etwas wehmütig in die Heimat. Denn im Erzgebirge ist häufig eher der Leerstand das Problem.

Krauß war bei seinem Besuch in Emmendingen gestartet und über das Elztal und die südliche Ortenau bis nach Lahr gefahren. Dort angekommen, schaute der CDU-Politiker im Nebenzimmer einer Gastwirtschaft in fragende Gesichter. Paul Sütterlin, der lokale JU-Chef, hat die frühabendliche Gesprächsrunde eingestimmt. Das Landtagswahlresultat von Thüringen beunruhige ihn zutiefst, sagte er, es lasse zweifeln, ob man wirklich in einem vereinten Deutschland lebe. Und Oberbürgermeister Markus Ibert fragte den Besucher: "Was kann man tun gegen solche Protestwahlen?"

Der Schneeberger machte aus seiner Ratlosigkeit kein Hehl. Die AfD, erklärte Krauß, "werden wir nicht so schnell von der Backe bekommen" - wie inkompetent, konzeptlos, zerstritten sie sich auch zeige. Der CDU-Politiker kennt das aus seinen Jahren im Landtag. Er nennt es den "versteinerten" Teil der Wählerschaft. Und er stellte klar: "Es hat nichts damit zu tun, dass es den Leuten schlecht geht." Denn das stimme nicht. Er versicherte, es gebe sie tatsächlich in seinem Sachsen, die "blühenden Landschaften".

Nach seiner Tour durch den Landkreis zieht Alexander Krauß ein positives Fazit: Er sei froh, sich auf das Abenteuer eingelassen zu haben. "Das ist sehr bereichernd, einmal einen Tag lang in den Schuhen des anderen zu gehen."

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