Chefarzt geht in unruhigen Zeiten in den Ruhestand

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Freie Presse: Es sind unruhige Zeiten. Corona brachte in den vergangenen Wochen und Monaten Kliniken an ihre Belastungsgrenze, ein Personalwechsel auf Führungsebene läutet bei den kreiseigenen Häusern Strukturveränderungen ein. Ist das der richtige Zeitpunkt, dem Krankenhaus den Rücken zu kehren?

Dr. Norbert Heide: Das ist eine schwierige Frage. Als ich vor einem Jahr darüber nachzudenken begann, früher in Ruhestand zu gehen, war von Corona und Führungswechsel noch nichts zu spüren. Insofern war dieser Endspurt auf der Zielgeraden so nicht geplant. Ich habe mich aber lange auf diesen Schritt vorbereitet, muss ja auch gewisse Abschläge bei der Rente hinnehmen. Aber das kann ich gut verschmerzen. Bei der Entscheidung habe ich auf meine innere Stimme als Mediziner gehört. Wenn man auf die 65 zugeht, ist man nicht mehr so leistungsfähig. Ich merke, dass ich den Stress nicht mehr so gut wegstecke wie früher und länger brauche, um mich zu erholen.

Zum Ende Ihrer beruflichen Laufbahn hätten Sie auch in die zweite Reihe treten können ...

Ich wollte mich nicht peu á peu zurückziehen und genüsslich in den Ruhestand gehen, sondern alles konsequent und rigoros beenden - getreu meiner Maxime, alles zu geben oder es sein zu lassen.

Zwei Stellen gilt es neu zu besetzen - die des Chefarztes der Anästhesie und die des ärztlichen Direktors. Wer wird Ihre Aufgaben übernehmen?

Es gab Bewerbungen und Vorstellungsgespräche. Entschieden ist aber noch nichts.

Wegen der drohenden Überlastung der Krankenhäuser standen die Einrichtungen und zuletzt auch Sie selbst im Rampenlicht. Sie saßen zur Pressekonferenz neben dem Landrat und gaben Auskunft zur Corona-Lage, waren ein gefragter Gesprächspartner bei verschiedenen Medien.

Ich hätte nie damit gerechnet, am Ende noch einmal so in der Öffentlichkeit zu stehen. Andererseits wird bei einer so lebhaften Entwicklung im Krankenhausbetrieb von einem ärztlichen Leiter erwartet, dass er sich positioniert. Wenn ich gefragt wurde Stellung zu beziehen, dann habe ich das getan und mit meiner Meinung nie hinter dem Berg gehalten.

Kurz vor der Eröffnung des neuen Krankenhauses in Zschopau war das Medieninteresse schon einmal enorm. Damals wurden Koli-Bakterien im Trinkwasser gefunden.

So eine Situation ist natürlich sehr öffentlichkeitswirksam. Wegen dieser Problematik konnten wir erst verspätet den Betrieb aufnehmen.

Stand das Klinikum jemals vor einer ähnlichen Herausforderung wie in dieser Pandemie?

Da fällt mir nichts Vergleichbares ein. Es gab mehrere kleine Meilensteinchen wie den Umbau der Notaufnahme oder die Inbetriebnahme der Wachstation. Ich sehe das als einen kontinuierlichen Prozess der Weiterentwicklung des Hauses. Unsere medizinische Versorgung geht ja inzwischen ein Stück über die Grund- und Regelversorgung hinaus.

Würden Sie rückblickend auf Ihre berufliche Karriere heute etwas anders machen?

Nein, absolut nicht. Ich konnte mir beileibe nicht vorstellen, dass ich überhaupt mal so einen Werdegang ausfüllen darf. Ich habe die sich bietenden Gelegenheiten genutzt. Das lässt mich auch zufrieden und locker in den Ruhestand gehen. Ich vermisse nichts.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit einem Corona-Impfstoff?

Dass er wirksam ist und die Pandemie so eindämmt wie das gewünscht ist. Die Lockdowns müssen mal wieder aufhören, sonst sind die Schäden in der Wirtschaft unabsehbar. Ich bin aber auch überzeugt, dass das Virus nicht wieder verschwinden wird. Wir werden zusehen müssen, das Problem im Griff zu behalten, ähnlich wie bei der Influenza. Die Menschheit sollte aus dieser Pandemie lernen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, worauf es im Leben ankommt. Das ist meine ganz persönliche Meinung zu dem Thema.

Was würden Sie Menschen entgegen, die eine Covid-19-Erkrankung noch immer als eine Art Schnupfen abtun?

Wer das behauptet, ist lebensfremd und hat noch nie die schwerkranken Patienten im Krankenhaus erleben müssen und wie selbst junge Patienten mit den Nachfolgen zu kämpfen haben. Solche Leute tun mit irgendwie auch leid. Aber genau in der Bagatellisierung der Krankheit sehe ich eine wesentliche Ursache dafür, wenn nach der Pandemie alles so weiterläuft wie vorher.

Wie wird es denn im Klinikum weiterlaufen? Sind die Häuser in Zschopau und Olbernhau künftigen Herausforderungen gewachsen?

In Zschopau gibt es ein gutes Leistungsprofil. Wir stehen auf gesunden Füßen und haben durchaus die Chance, in nächster Zukunft gut dazustehen. Da sehe ich überhaupt keine Probleme. Wie es mit dem Standort Olbernhau weitergeht, bleibt abzuwarten. Das Konzept für die kreiseigenen Krankenhäuser sieht eine Umstrukturierung zu einem Gesundheitszentrum vor. Zugleich haben wir gesehen, wie wichtig das Haus für die Notfallversorgung ist, als wir die Akutbehandlungen Corona-bedingt herunterfahren mussten.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand?

Dass ich mir meine Zeit so gestalten kann, wie ich es für wichtig und notwendig halte - ohne Termindruck, der mir beim Planen von privaten Dingen im Wege stehen könnte.

Ruhestand im Lockdown, das klingt beängstigend.

Ich kann das trotzdem genießen. Ich muss ohnehin erstmal eine Balance finden und werde später in meinen Abläufen auch die Genüsse des Lebens wieder mit einbauen - dann hoffentlich ohne Lockdown.

Vielleicht gehen Sie ja wieder in die Kommunalpolitik. Immerhin wirkten Sie zehn Jahre im Zschopauer Stadtrat mit und hatten den Vorsitz der CDU-Fraktion inne ...

Das schließe ich aus.

Was werden Sie vermissen?

Ich war mehr als 40 Jahre als Arzt tätig und habe rückblickend vielen Leuten helfen können. Das wird nun leider minimiert. Sollte aber jemand versuchen, bei mir Hilfe zu finden, werde ich immer ein offenes Ohr haben.

Zur Person

Dr. Norbert Heide (65) lebt in Zschopau, ist seit Februar 1995 leitender Chefarzt und trägt die medizinische Verantwortung. Der Facharzt für Anästhesie studierte 1975 bis 1980 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, arbeitete später fünf Jahre als Facharzt in Karl-Marx-Stadt. Am 1. April 1990 wechselte er ans Zschopauer Krankenhaus. Damals entstand das neue Kreiskrankenhaus an der Alten Marienberger Straße, das im Januar 1997 in Betrieb ging. Norbert Heide ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn sowie drei Enkelkinder.


Zur Person

Dr. Norbert Heide (65) lebt in Zschopau, ist seit Februar 1995 leitender Chefarzt und trägt die medizinische Verantwortung. Der Facharzt für Anästhesie studierte 1975 bis 1980 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, arbeitete später fünf Jahre als Facharzt in Karl-Marx-Stadt. Am 1. April 1990 wechselte er ans Zschopauer Krankenhaus. Damals entstand das neue Kreiskrankenhaus an der Alten Marienberger Straße, das im Januar 1997 in Betrieb ging. Norbert Heide ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn sowie drei Enkelkinder.

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